https://www.faz.net/-gqe-7vudg

Krippenausbau in Deutschland : Gebt den Eltern das Kommando

  • -Aktualisiert am

„Im ersten Lebensjahr gar nicht in die Krippe“

Nun denkt der Staat gern für die Untertanen mit. Er hat das Volk zu Mülltrennern erzogen, mahnt mit Bio-Siegeln zu ökologisch-korrekter Ernährung und verlangt vom Sparer mehrseitige Beratungsprotokolle, ehe er eine Aktie kaufen darf. Verglichen damit bringt die Krippe zweifelsohne einen Zugewinn an Freiheit für junge Familien, wenn sie entscheiden, wie sie es am liebsten hätten. Angreifbar, auch juristisch, wird die Sache dann, wenn der Staat sich anmaßt, besser zu wissen als das Individuum, was gut für es ist – und es in diese Richtung drückt. So gibt es Rechtskundige, welche die aktuelle Familienpolitik für verfassungswidrig halten, da sie im Widerspruch stehe zur „Neutralität gegenüber verschiedenen Familienentwürfen“, wie es das Grundgesetz vorsieht. Das Elterngeld etwa belohnt bewusst Doppelverdiener und Alleinerziehende – benachteiligt wird die Einverdienerfamilie, das ehedem klassische Modell, inzwischen bis tief in die Union hinein als nicht mehr zeitgemäß verworfen.

Nur: Was bedeutet die ganze Entwicklung für das Kleinkind? Der Kronzeugen melden sich viele, Psychologen, Praktiker, Kinderärzte, die anzweifeln, ob die Krippe der Weisheit letzter Schluss ist, zumindest für die ganz Kleinen. „Am liebsten wäre es mir, ich müsste kein Kind unter einem Jahr aufnehmen“, gesteht die Leiterin einer Krippe, seit Jahrzehnten im Beruf. Diese Einschätzung teilt Professorin Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Ihre Faustregel lautet: „Im ersten Lebensjahr gar nicht in die Krippe, im zweiten Jahr auf keinen Fall zu lange.“ Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, auf den in Deutschland viele junge Eltern hören, spricht gar von einem Wahn, möglichst viele Kinder in staatliche Obhut zu nehmen: Kitas würden nicht eingerichtet, „um Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen“, kritisiert er. Dagegen stehen die Studien, die Krippen als Beitrag zur Integration fremdsprachiger Kinder loben, Krippenkindern allgemein bessere Startchancen nachsagen – der Glaubenskampf darüber wird quer durch die Lager und höchst emotional ausgetragen.

Kinderzahl und Frauenerwerbsquote sollen steigen

„Das Versprechen der frühkindlichen Bildung ist nichts als Propaganda“, zürnt Kinderarzt Renz-Polster und wettert gegen Krippen als „neoliberales Projekt“: „Nach der Wende währte die Freude nur kurz, dass die DDR-Krippen ausgedient hatten. Kaum war die Mauer weg, forderte ausgerechnet der BDI als erstes Krippen.“ Von Wirtschaftsleuten aber will der Kinderarzt sich nichts über Frühpädagogik erzählen lassen: „Was wissen die alten Herren in den Arbeitgeberverbänden davon, wie Kinder lernen? Ja, was geht sie das überhaupt an?“ Was Kinder brauchen, sind demnach verlässliche, vertraute Beziehungen – „das macht sie mutig und lernbereit“. Gerade davon gebe es in Krippen nur Notrationen. Was ihm übel aufstößt, ist die Herablassung, mit denen Eltern vom Staat die Fähigkeit zur Erziehung abgesprochen wird: „Das Kind einer Drogenabhängigen, das an den Fernseher gefesselt wird, sollte möglichst wenig zu Hause sein – aber das dann als Norm für alle Familien zu setzen, ist ungerecht und skandalös.“

Am Ende landen die Krippengegner, von links wie rechts, immer am selben Punkt: Was vom Staat als Familienpolitik verkauft werde, sorge sich in Wirklichkeit nicht um Mütter, Väter oder gar ums Kind, sondern um den Arbeitsmarkt. „Das Familienministerium ist zum verlängerten Arm des Wirtschaftsministeriums geworden“, sagt Rainer Stadler. Schon Ministerin Renate Schmidt, unter Gerhard Schröder für „Familie und Gedöns“ zuständig, hat zwei Ziele für vorrangig erklärt, „um das Fachkräftepotential zu stabilisieren: eine ausreichende Kinderzahl sowie eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote“.

Daraus folgert Buchautor Stadler: „Die gut ausgebildeten Frauen sollen ihre Kinder der Fremdbetreuung überlassen, weil ihre Zeit und ihr Wissen an die Erziehung der Kinder verschwendet wäre. Gering qualifizierte Eltern wiederum sollen die Kinder abgeben, weil sie für deren Förderung für zu dumm und/oder zu faul gehalten werden.“ Übrig bleibt als Betreuer nur Vater Staat.

Topmeldungen

Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregeltem Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
Mit virtueller Realität direkt ins Herz der Immigranten – Iñárritus Sechseinhalb-Minuten-Installation in Cannes.

Künstliches Herz : Organ aus dem 3-D-Drucker

Forscher konstruieren eine künstliche Herzkammer und Muskelzellen, die synchron schlagen. Noch fehlt Entscheidendes, damit Ersatzorgane aus dem 3-D-Drucker entstehen können.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.