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Krebsmediziner Ludwig : „Milliarden für nutzlose Arzneimittel“

Wolf-Dieter Ludwig, Chefarzt der Klinik für Krebsmedizin in Berlin-Buch und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft Bild: Andreas Pein

Der Krebsmediziner Wolf-Dieter Ludwig spricht im Interview über die immensen Kosten im Gesundheitssystem. Und darüber, warum er auch mit Schwerkranken zuweilen über Kreditkarten reden muss.

          Professor Ludwig, sind Medikamente in Deutschland zu teuer?

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für viele der neu zugelassenen Arzneimittel lautet die Antwort: definitiv ja. Die gesetzlichen Krankenkassen haben 2015 allein in der ambulanten Versorgung rund 40 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Darin sind die Kosten für Arzneimittel im Krankenhaus, die weitgehend intransparent sind, noch nicht einmal enthalten.

          40 Milliarden Euro im Jahr, das sind umgerechnet rund 500 Euro je Person. Dafür leben wir aber auch immer länger. Ist es das nicht wert?

          Die Verlängerung unserer Lebenszeit ist auf viele unterschiedliche Faktoren zurückzuführen, neue Arzneimittel leisten hierfür einen eher kleinen Beitrag. Und das Geld, das wir für Arzneimittel mit ungewisser Wirksamkeit oder Sicherheit ausgeben, fehlt an anderer Stelle in unserem Gesundheitssystem, zum Beispiel für Pflegekräfte und für die Hospizversorgung am Lebensende. In der Krebsmedizin sind Therapiekosten je Patient von 40 000 bis 100 000 Euro im Jahr heute die Regel. Der Nutzen rechtfertigt diese exorbitanten Preise nur selten.

          FRAGE: Manche früher unheilbare Krebsarten gelten heute dafür als bezwungen.

          Dass heute deutlich weniger Männer an Lungenkrebs sterben als vor vierzig Jahren, liegt nicht in erster Linie an besseren Arzneimitteln, sondern daran, dass es nicht mehr so viele Raucher gibt. Dazu kommt, dass heute mehr Menschen zur Krebsvorsorge gehen und dadurch zum Beispiel beim Darmkrebs frühe Stadien rechtzeitig erkannt werden. Außerdem sind die Fortschritte in der Krebstherapie auch Verbesserungen in der Diagnostik sowie Weiterentwicklungen von operativen Eingriffen und Strahlentherapie zu verdanken.

          Und die Pharmaindustrie kommt gar nicht voran?

          Natürlich gibt es auch hier wichtige Fortschritte. Der Wirkstoff Imatinib brachte zum Beispiel einen echten Durchbruch für die Behandlung von Patienten mit einer bestimmten Art von Blutkrebs. Das Mittel, Anfang des Jahrtausends von Novartis unter dem Namen Glivec auf den Markt gebracht, kann diese Krebsart heute wahrscheinlich heilen. Es ist aber auch ein Beispiel für das Profitstreben einiger Firmen. Obwohl inzwischen fünf ähnlich wirksame Mittel zur Verfügung stehen und auch die Zahl der zu behandelnden Patienten zugenommen hat, sind die Preise stetig gestiegen. Die Jahreskosten für Imatinib liegen inzwischen bei rund 40 000 Euro je Patient, für die anderen Wirkstoffe sind es bis zu 70 000 Euro. Das zeigt: Das klassische Marktgesetz - Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis - funktioniert nicht.

          Doch: Apple nimmt für ein neues iPhone ja auch nicht automatisch weniger, sondern möglichst immer genau so viel, wie die Kunden zu zahlen bereit sind. Das sind Marktpreise.

          Unser Gesundheitssystem eignet sich für diesen Vergleich denkbar schlecht, weil es indirekt und solidarisch finanziert wird, nämlich über die Beiträge aller Versicherten. Es ist außerdem etwas ganz anderes, ob ich an einer schweren Krankheit leide und dringend ein sehr teures Medikament benötige - oder ob ich mir ein iPhone wünsche und aus meinem eigenen Geldbeutel bezahle.

          Deshalb wird ja auch kräftig reguliert: Die Hersteller dürfen die Preise für ältere Arzneimittel seit sechs Jahren nicht mehr erhöhen, in anderen Branchen wäre das undenkbar. Und neue Medikamente werden auf ihren Nutzen überprüft. Was denn noch?

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