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Gesundheit : Krankenkassen ducken sich vor Preisvergleich weg

  • -Aktualisiert am

Bei der aktuellen Krankenkassenliste verliert der Kunde leicht den Überblick Bild: dapd

Im Januar beginnt der Preiswettbewerb der Kassen. Ihren Kunden würden sie die Unterschiede bei den Beitragssätzen aber lieber verheimlichen. Das verärgert Politiker.

          Von Januar an bekommen die Krankenkassen zurück, was sie lange vermisst hatten: das Recht, die Höhe ihrer Beitragssätze selbst festzulegen. Doch zu genau wollen die Kassen ihre Kunden auf die sich im Wettbewerb abzeichnenden Preisunterschiede lieber nicht hinweisen. Bezüglich der vom Gesetzgeber verlangten Transparenz fahren sie lediglich das Minimalprogramm: Brief an die Versicherten und gegebenenfalls Verweis auf eine Tabelle im Internet.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Dort sollen die Beitragssätze zwar von Jahresbeginn an auf einer Seite des Spitzenverbands der Kassen veröffentlicht werden, doch den billigsten Anbieter sollen die Kunden möglichst schlecht finden. Die bei anderen Portalen – etwa für Hotels – selbstverständlichen Suchfunktionen soll es nicht geben. „Die Liste ist nicht sortierbar nach der Höhe des Zusatzbeitrages und ist wie bisher nach Krankenkassenname sortiert.“ So steht es in der Vorlage für den Beschluss, den der Verwaltungsrat des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) an diesem Mittwoch treffen will.

          Wie aussagekräftig ist der Beitragssatz?

          Dabei ist es nicht so, als wäre der Verband nicht in der Lage, seine Krankenkassenlisten auf Kundenwunsch zu variieren. Schon heute kann der Besucher anklicken, ob er alle, nur die bundesweit geöffneten, nur die für Betriebsangehörige zugelassenen oder lediglich die in einem Bundesland geöffneten Krankenkassen suchen will. Nur beim Vergleich der Beitragssätze soll sich das interessierte Mitglied durch die 131 Namen umfassende Kassenliste klicken, von A wie Actimonda bis W wie WMF.

          Diverse Gremien der Selbstverwaltung hätten die Frage kontrovers debattiert, welche Kasse oben und welche unten stehen solle, sagten mehrere daran Beteiligte dieser Zeitung. Am Ende habe man sich darauf geeinigt, der alphabetischen Anordnung lediglich eine weitere Spalte mit dem Beitragssatz anzufügen. Denn der allein sei wenig aussagekräftig. Es komme auch auf die dahinter stehenden freiwilligen Kassenleistungen an. Deshalb gibt es einen weiteren Link auf die Kassenseite, wo sich jede von ihrer schönsten Seite präsentieren kann. Überhaupt würden Medien sowie Verbraucherportale im Internet mit Sicherheit zügig Preisvergleiche auflegen.

          Entscheidend ist der durchschnittliche Zusatzbeitrag

          Führende Gesundheitspolitiker der Koalition äußerten sich über diese Argumentation verwundert. Das sei der „lächerliche Versuch, das Gesetz ein Stück weit auszuhebeln“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Karl Lauterbach, dieser Zeitung. Das werfe auch die Frage auf, ob die Kassen was zu verbergen hätten. Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn (CDU), sagte, diese Liste erfülle nicht die vom Gesetzgeber gestellten Anforderungen. „Ich bin erstaunt über die Angst der Kassen vor mehr Preistransparenz.“ Sie schadeten sich damit selbst. Spahn kündigte an, die Kassen gegebenenfalls zu mehr Transparenz zu zwingen. „Es wäre armselig, wenn wir jetzt noch die Details einer verbraucherfreundlichen Veröffentlichung per Gesetz regeln müssten, aber die Kassen legen es ja quasi drauf an.“

          Der neue Preiswettbewerb beginnt im Januar. Dann sinkt der Beitragssatz, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte zahlen, von 15,5 auf 14,6 Prozent. Den Krankenkassen fehlt entsprechend Geld. Das können sie sich je nach individueller Notwendigkeit über einen Zusatzbeitrag besorgen, den nur die Arbeitnehmer oder Rentner zahlen müssen. Kassen mit hohen Finanzreserven werden weniger als die fehlenden 0,9 Prozentpunkte verlangen, andere womöglich mehr.

          Ein wichtiges Datum für die Kassen wird der durchschnittliche Zusatzbeitrag sein, den die Regierung im nächsten Jahr für ausreichend hält. Jede Kasse, die mehr verlangt, muss ihre Kunden per Brief darauf hinweisen, dass es günstigere Anbieter gibt – zu finden auf der Internetseite des Spitzenverbands.

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