https://www.faz.net/-gqe-xroq

Korruption in Indien : Von der Marionette zum Bauernopfer

Andimuthu Raja Bild: dapd

Fotos von Andimuthu Raja wirken oft leicht unscharf. Derzeit verleiht ihnen das einen ganz eigenen Reiz: Der Mann, der zur Ikone für Indiens größten Bestechungsskandal wird, hat stets im Unscharfen agiert. Sein Amt als indischer Minister für Telekommunikation musste er abgeben.

          2 Min.

          Fotos von Andimuthu Raja wirken oft leicht unscharf. Derzeit verleiht ihnen das einen ganz eigenen Reiz: Denn der Mann, der nach heftiger Gegenwehr gezwungen wurde, sein Amt als indischer Minister für Telekommunikation und Informationstechnologie abzugeben, hat stets im Unscharfen agiert. Erweisen sich die Verdächtigungen, Unterstellungen und Vermutungen als richtig, die Asiens drittgrößte Volkswirtschaft derzeit erschüttern, steht sein Gesicht fortan zudem für den größten Fall von Bestechung und Vetternwirtschaft in der jüngeren indischen Geschichte. So ist der Mann, der als nach Neu-Delhi entsandte Marionette mächtiger Hintermänner aus Südindien galt, zur Ikone der Korruption geworden, einer der gefährlichsten Krankheiten der Schwellenländer.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Raja wird vorgeworfen, im Jahr 2008 Lizenzen für den Mobilfunk zu Preisen von 2001 an ausgewählte Unternehmen verteilt zu haben, von denen sich viele nicht für den Kauf qualifiziert hatten. Der Skandal sendet immer weitere Schockwellen aus (siehe Korruptionsskandal erschüttert indische Telekombranche). Jetzt drohen selbst diejenigen ausländischen Anbieter in den Strudel zu geraten, die Frequenznehmer nach der Versteigerung für teilweise enorme Preise gekauft hatten.

          Ein Netz von Hofschranzen, Jasagern und Günstlingen

          Rajas letzte öffentlich überlieferte Worte vor seinem erzwungenen Abgang bezogen sich auf die Reinheit seines Gewissens. Sie dürfen schon heute getrost bezweifelt werden. Im besten Falle hat er sich verstrickt im Netz von Hofschranzen, Jasagern und Günstlingen. Für seine Aufgabe ungeeignet war er ganz sicher, und auch das wirft ein grelles Licht auf die indische Politik und ihre Elite: Denn bevor er die Führung des am schnellsten wachsenden Mobilfunkmarktes der Welt übernahm, war Raja Anwalt in einer Provinz in Indiens Süden, nominiert von einer Regionalpartei. Er besitzt weder Erfahrung in der komplizierten Telekommunikationsbranche noch in der Informationstechnologie. Auch im Geschäftsleben stand er nie. Verweisen aber konnte er auf viel Wichtigeres: Auf die Unterstützung des starken Mannes der Dravida Munnetra Kazhagam. So heißt eine Partei, die seit 41 Jahren vom selben Chef geleitet wird und eine Säule der indischen Regierungskoalition ist. Ohne deren 16 Stimmen im Unterhaus wäre sie nicht handlungsfähig.

          Dass Raja bis an die Spitze eines der wichtigsten Ministerien der größten Demokratie der Erde gelangen konnte, spricht Bände. Kleinparteien, die nicht selten von einzelnen Familienclans oder entlang von Kasten gesteuert werden, verschaffen sich Macht, bilden Koalitionen, kaufen Stimmen, füllen die Kassen ihrer Führer, sichern deren Einfluss - auch zum Nutzen ausgewählter Unternehmen, die dafür zahlen. So berichtete der Geschäftsmann Rajan Tata etwa, er habe nur deswegen keine Fluglinie gemeinsam mit Singapore Airlines gegründet, weil er mehr als umgerechnet 2 Millionen Euro Bestechungsgelder dafür hätte zahlen müssen. Schon die katastrophalen Umstände der Commonwealth-Spiele im Frühherbst warfen ein Schlaglicht darauf, wie verrottet die indische Politik ist. Der Telekom-Skandal leuchtet die Szenerie nun noch heller aus.

          Qualifikationen spielen keine Rolle

          Die Allianz der Vetternwirtschaften braucht Leute wie Andimuthu Raja aus Tamil Nadu. Qualifikationen spielen dafür keine Rolle, wohl aber Gehorsam. So kam Raja nach ganz oben - und in eine Position, für die er ganz sicher nicht qualifiziert war. Sein Ministerium, so heißt es nun in einem Prüfbericht, folgte bei der Vergabe den eigenen Richtlinien nicht und änderte den Abgabetermin für die Anträge kurzfristig, um bestimmten Unternehmen Vorteile zu verschaffen.

          Wie viel Geld dabei an wen geflossen ist, bleibt bislang offen. Raja aber hat persönlich die überwiegende Mehrheit der Vergabedokumente für Frequenzen der Mobilfunkbetreiber abgezeichnet. Finanziell wird der 47 Jahre alte Vater einer Tochter ohnehin ausgesorgt haben. Immerhin agierte er bis zu seinem Rücktritt, der ihn vom Platzhalter zum Bauernopfer gemacht hat, schon seit zehn Jahren als Minister - mit Portfolios, die von der ländlichen Entwicklung, über Gesundheit und Familie bis zur Umwelt reichten. Und reiche Freunde hat er auch.

          Weitere Themen

          CureVac-Impfstoff floppt Video-Seite öffnen

          Geringe Wirksamkeit : CureVac-Impfstoff floppt

          Der Corona-Impfstoff hat Untersuchungen zufolge nur eine vorläufige Wirksamkeit von 47 Prozent. CureVac will die Studie aber bis zu ihrer finalen Auswertung mit weiteren Corona-Fällen fortsetzen.

          Topmeldungen

          Wegen seines Umgangs mit dem Missbrauchsskandal in der Kritik: Rainer Maria Kardinal Woelki

          Erzbistum Köln : Gibt es noch eine Zukunft mit Woelki?

          In Köln ist das Vertrauensverhältnis zwischen Erzbistum und Erzbischof zerrüttet. Ein externer Moderator muss einspringen. Nicht wenige hoffen, dass ein Spruch aus Rom die Angelegenheit schon vorher erledigt.
          Im Wahlkampf: Der Kanzlerkandidat der Union und CDU-Vorsitzende Armin Laschet

          Wahlprogramm der Union : Adenauer reicht nicht mehr

          Vielleicht wäre es Armin Laschet am liebsten gewesen, einfach Wahlkampfplakate mit den Worten „Keine Experimente!“ zu bedrucken – und abzuwarten, wie sich die Konkurrenz um Kopf und Kragen redet. Tatsächlich muss er mehr tun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.