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Konzept „Bürgerdividende“ : Anwohner sollen an Stromtrassen verdienen

  • -Aktualisiert am

Stromtrasse im Thüringer Wald Bild: dpa

Die Politik hofft auf mehr Akzeptanz und weniger Einsprüche. Wer in der Nähe von Stromtrassen wohnt, soll sich an deren Ausbau finanziell beteiligen können. Dafür wird eine Rendite von bis zu 5 Prozent versprochen.

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          Wer in der Nähe von Stromtrassen wohnt, soll sich an deren Ausbau finanziell beteiligen können. Dafür wird eine Rendite von bis zu 5 Prozent versprochen. Das Konzept haben Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), Umweltminister Peter Altmaier (CDU) und die vier für das Transportnetz zuständigen Netzbetreiber Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW am Freitag vorgestellt. Sie erhoffen sich davon mehr Akzeptanz und weniger Einsprüche.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Allerdings ist noch offen, ab wann eine Beteiligung möglich sein wird. Die Netzbetreiber werden die Bevölkerung informieren. Zuvor muss geklärt werden, wie viele der dadurch entstehenden zusätzlichen Kosten wie für Werbung und Verwaltung die Netzbetreiber auf die Stromkunden umlegen können. Die Bundesnetzagentur muss das noch festlegen.

          Die Netzbetreiber verlangen die volle Übernahme der Mehrkosten. Sie bekräftigten aber auch, dass der volkswirtschaftliche Nutzen einer zügigen Fertigstellung der Leitungen die Kosten für das Einsammeln kleiner Beträge übersteige. Immerhin müssten mehr als 100 Millionen Euro im Jahr für die Netzstabilisierung aufgewandt werden, die bei zügigem Netzausbau entfielen. Die Erklärung schließt nicht aus, dass das Modell auf ältere Projekte angewandt wird, die wegen Protesten um Jahre im Verzug sind.

          Anwohner sollen bis zu 15 Prozent der Investition für eine neue Leitung, die 100 Millionen Euro oder mehr betragen kann, aufbringen können. Den Rest holen sich die Netzbetreiber am Kapitalmarkt. Die Mindesteinlage solle 1000 Euro betragen, es werde eine marktgerechte Rendite von bis zu 5 Prozent angestrebt. Das ist mehr als aktuell Festgeldkonten oder Anleihen guter Schuldner abwerfen. Angesprochen sind vor allem Bürger oder Grundstückseigentümer, die direkt von dem Projekt betroffen sind. Das bezieht Landwirte ein. Anwohnern soll eine Zuteilung von beispielsweise bis zu 10.000 Euro oder eine vorrangige Zeichnung garantiert werden.

          Neue Stromautobahnen bis 2020

          Umweltminister Peter Altmaier (CDU) hatte die „Bürgerdividende“ Ende 2012 vorgeschlagen. „Mit der Beteiligung am Netzausbau können erstmals auch diejenigen von der Energiewende profitieren, die bisher keine Möglichkeit dazu hatten“, sagte er. Rösler sprach von einem großen Schritt hin auf das Ziel, den Netzausbau von zehn auf vier Jahre zu verkürzen. Vorbild ist ein Projekt des Netzbetreibers Tennet in Schleswig-Holstein, wo Anwohner in einem Korridor von fünf Kilometern um die geplante Westküstenleitung bis August Anteile an dem Projekt zeichnen können. Der Zuspruch sei groß, sagte Tennet-Geschäftsführer Martin Fuchs.

          Aktuelle Zahlen über die wachsende Einspeisung erneuerbarerer Energien unterstreichen die Bedeutung des Netzausbaus. Nach Berechnungen der Netzbetreiber gab es im Juni einen neuen Rekord bei der Stromerzeugung aus Photovoltaik. Erstmals wurden mehr als 4000 Gigawattstunden (GWh) Sonnenstrom an der Börse verkauft. Das waren 12 Prozent mehr als im Juni 2012. Wegen des hohen Angebots sind die Preise für Ökostrom an der Börse im Durchschnitt des Juni auf ein neues Tief von 27 Euro die Megawattstunde gefallen. Damit sanken die Einnahmen der Netzbetreiber für den Ökostrom, die sich aus Börsenpreis und EEG-Umlage der Stromverbraucher zusammensetzen. Die witterungsbedingt höhere Produktion führte aber zu steigenden Kosten, weil die Erzeuger garantierte Preise bekommen.

          Unter dem Strich gaben die Netzbetreiber im Juni 400 Millionen Euro mehr für Ökostrom aus, als sie dafür bekamen. Das Defizit aus den Vormonaten stieg weiter an, auf 900 Millionen Euro zum Halbjahr. Das Geld strecken die Netzbetreiber den Stromkunden vor, es wird nächstes Jahr auf die EEG-Umlage aufgeschlagen. Derzeit beträgt die Umlage für Stromkunden 5,277 Cent je Kilowattstunde. Für das nächste Jahr wird noch einmal mit einem deutlichen Anstieg gerechnet.

          Dabei haben die Stromkunden noch Glück gehabt: Das Defizit wäre höher ausgefallen, wäre die Witterung im ersten Halbjahr besser gewesen. Nach Berechnungen des Branchenverbands BDEW stieg die aus Sonne erzeugte Strommenge nur um 0,2 Prozent auf 14153 GWh, die Stromerzeugung aus Windkraft lag mit 22.500 GWh sogar um 10 Prozent unter dem Vorjahreshalbjahr.

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