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Konjunktur : Der geschwächte Kontinent

Europa steht vor einem schwierigen Jahr - allem Jubel zum Trotz Bild: AP

Die deutsche Wirtschaft ist zum Jahreswechsel in Sektlaune - doch im Rest Europas überwiegt Katerstimmung. Der alte Kontinent hat die Euro-Krise noch längst nicht überwunden. Eine Analyse.

          Die deutsche Wirtschaft ist zum Jahreswechsel in Sektlaune. 2014 dürfte es deutlich bergauf gehen, nachdem die Konjunktur im vergangenen Jahr durch die Euro-Krise belastet war. Alle Umfragen zeigen nun große Erwartungen der Unternehmen für das neue Jahr. Um bis zu zwei Prozent könnte die Wirtschaftsleistung in Deutschland zulegen, schätzen Konjunkturforscher. Vor allem die Binnennachfrage stützt den Aufschwung: Die Investitionen sollten nach längerer Pause kräftig anziehen, der Wohnungsbau wird von den niedrigen Zinsen beflügelt. Zudem sind die Verbraucher in Kauflaune, obwohl die Reallohnentwicklung zuletzt eher enttäuschend war; die Arbeitslosigkeit dürfte auf niedrigem Niveau bleiben.

          Deutschland wirkt damit wie eine Insel der wirtschaftlichen Stabilität inmitten der Stürme der angeschlagenen Euroländer. Nur ein bis zwei Flugstunden entfernt stecken viele Volkswirtschaften tief in der Krise. Zwar hat die Eurozone die Rezession vergangenes Jahr gestoppt, doch reicht das seitdem erzielte Mini-Wachstum bei weitem nicht aus, um die Peripherieländer aus dem Sumpf aus Schuldenlasten, Arbeitslosigkeit und schwacher Nachfrage zu ziehen. Für den Durchschnitt des Euroraums erwarten Ökonomen 2014 nur rund ein Prozent Wachstum.

          Griechenland ist um 25 Prozent abgestürzt

          Erst 2015 dürfte die Wirtschaftsleistung der Eurozone wieder das Vorkrisenniveau von 2008 erreicht haben. Dabei beschönigt dieser Durchschnittswert das Bild: Während die deutsche Wirtschaftsleistung trotz der Krise um etwa sechs Prozent über das Niveau vor 2008 geklettert ist, liegt Spanien um fast sechs Prozent unter dem Vorkrisenniveau, Portugal fast sieben Prozent und Italien um mehr als neun Prozent. Griechenland ist gar um 25 Prozent abgestürzt. Das sind gewaltige Wohlstandsverluste. Die dortigen Gesellschaften stehen unter großen sozialen Spannungen. Absehbar ist, dass Griechenlands Schuldenberg auf Dauer nicht tragbar ist; wohl noch vor der Europawahl wird um einen (verschleierten) Schuldenschnitt gerungen werden.

          Europa bleibt ein wirtschaftlich und finanziell geschwächter Kontinent. Ein entscheidender Schwachpunkt ist nach wie vor der Bankensektor der Südländer, die unter vielen faulen Krediten leiden. Bei der Bilanzprüfung durch die Europäische Zentralbank (EZB) müssen alle Leichen aus den Kellern der Banken gezogen und Zombiebanken rigoros abgewickelt werden. Nur so kann die Lähmung des Kreditsektors überwunden werden.

          Für Deutschland ist der Leitzins zu niedrig

          Absehbar ist, dass die Spannungen in der Währungsunion und wegen des Kurses der EZB im neuen Jahr anhalten werden. Für Deutschland ist ein Null-Leitzins viel zu niedrig. Es drohen Spekulations- und Preisblasen am Wohnungsmarkt, während Sparer und Lebensversicherer unter den Mini-Zinsen leiden. Die Südländer wünschen sich dagegen eine noch lockerere Geldpolitik. Bleibt die Inflation sehr niedrig, könnte die EZB zu neuen expansiven Maßnahmen greifen, etwa einem großen Ankauf von Anleihen und Wertpapieren („quantitative Lockerung“), was aber hochproblematische Umverteilungswirkungen hätte. In den Vereinigten Staaten bewegt sich die Zentralbank langsam in Richtung einer Verringerung der monatlichen Milliarden-Stimuli. Amerikas Wirtschaft werden 2014 bis zu zweieinhalb Prozent Wachstum prognostiziert, die Arbeitslosigkeit sinkt. So ist eine Verringerung der Geldflut der Fed fällig. Von einem Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik wäre freilich erst dann zu sprechen, wenn die Fed ihre Billionen-Bilanz abbauen würde.

          Die Andeutungen der Fed zu einer geldpolitischen Drosselung lösten im Sommer Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern aus, ihre Währungen kamen unter Druck. Die meisten Schwellenländer haben aber so große Währungsreserven, dass sie damit fertig werden dürfen. Ihre Wachstumsraten sind zuletzt allerdings gesunken. China versucht nun eine tiefgreifende Reform seines Wirtschaftsmodells, weg von der Fixierung auf Export und staatliche Investitionen. Indien kämpft mit dem hohen Leistungsbilanzdefizit und der Bürokratie. Brasilien hat Defizite in der Infrastruktur. Trotz einer Verlangsamung geht der Aufschwung der Schwellenländer aber weiter, und vieles spricht dafür, dass Nordamerika im Wettbewerb mit den aufstrebenden Ländern seine Position besser halten kann als Europa. Mit seiner günstigeren Bevölkerungsentwicklung, seinen flexiblen Märkten und der Energierevolution (Fracking) hat Amerika mittelfristig bessere Wirtschaftsaussichten.

          Der alte Kontinent hat die Euro-Krise noch lange nicht überwunden. Mit ihrer Krisenpolitik hat die EZB die Schmerzen gemildert, aber auch den Reformdruck verringert. Während Spanien und Irland erhebliche Fortschritte gemacht, ihre Lohnstückkosten gesenkt und Exportstärke zurückgewonnen haben, sind in Italien die notwendigen Reformen nicht viel weitergekommen. Neben Italien könnte sich Frankreich mit seiner sozialistischen Regierung zum großen Sorgenland der Eurozone entwickeln. Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft steht also unter dem Vorbehalt, dass die Euro-Krise nicht abermals aufflammt.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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