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Konferenz der Notenbanker : Der Glanz von Jackson Hole verblasst

Denkanstöße aus den Bergen: Die traditionsreiche Konferenz glänzt in diesem Jahr nicht mit den großen Namen Bild: Bloomberg

Heute beginnt die Konferenz der Notenbanker in den Rocky Mountains. Doch niemand hört zu. Selbst der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank nimmt zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht daran teil.

          Stell dir vor, es ist Jackson-Hole-Konferenz, und niemand hört zu. Dieses besondere Erlebnis steht den Finanzmärkten an diesem Wochenende bevor. Zum ersten Mal seit 1988 wird der Vorsitzende der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (FED) an der traditionellen Notenbankerkonferenz in den Rocky Mountains nicht teilnehmen. Zum ersten Mal seit 1991 wird es auch keine Eröffnungsrede des Fed-Vorsitzenden geben - und damit keine Einsichten in seine geldpolitische Befindlichkeit. Für die Akteure an der Wall Street entfällt so die wichtigste Information der Konferenz, und der Mythos des Treffens wackelt. Für die Finessen der geldtheoretischen Diskussion, die die Wissenschaftler in Jackson Hole unter sich debattieren, haben die Geldhändler ohnehin keine Muße.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die wohl noch prestigeträchtigste Rede der Tagung wird am Freitag Christine Lagarde halten, die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Lagarde ist freilich noch nicht mal Notenbankerin, ihre geldpolitischen Erkenntnisse sind damit von begrenztem Wert. 2011 erregte sie dennoch Aufsehen, als sie in Jackson Hole die Europäer mit mehr als deutlichen Worten dazu aufforderte, ihre Banken zu rekapitalisieren.

          Große Namen glänzen mit Abwesenheit

          Der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke hatte seine Teilnahme an der Konferenz schon im Frühjahr aus persönlichen Gründen abgesagt. Das löste umgehend Spekulationen aus, dass er keine dritte Amtszeit als Vorsitzender mehr anstrebe. Präsident Barack Obama hat mittlerweile offenbart, dass er Bernanke nicht wiederernennen möchte. Als größte Favoriten für die Nachfolge gelten die Fed-Vizevorsitzende Janet Yellen und der frühere Finanzminister Lawrence Summers.

          Bernankes Absage in Jackson Hole hatte Folgen. Die Konferenz mit der großen Historie glänzt dieses Jahr nicht mit den großen Namen aus der Zentralbankwelt, sondern vor allem durch die, die nicht dabei sind. Neben Bernanke fehlt abermals der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Sein Vorgänger Jean-Claude Trichet war noch Dauergast in Jackson Hole gewesen. Bundesbankpräsident Jens Weidman reist nicht an, ebenso wenig wie der Gouverneur der Bank von England, Mark Carney. Sie alle schicken ihre Stellvertreter. Yellen von der Fed kommt, Vitor Constâncio von der EZB, Sabine Lautenschläger von der Bundesbank und Charles Bean von der Bank von England. Angemeldet haben sich auch der Gouverneur der Bank von Japan, Haruhiko Kuroda, und einige Zentralbankgouverneure aus Schwellenländern.

          Der Mythos steht auf dem Prüfstand

          Diese Zusammenstellung beruht auf eigenen Recherchen und amerikanischen Medienberichten. Die regionale Federal Reserve von Kansas City, der Ausrichter der Konferenz, macht um Teilnehmer und Thema wie immer ein großes Geheimnis. Zu der Konferenz werden Notenbanker aus aller Welt, Wissenschaftler, einige Bankvolkswirte der Wall Street und wenige ausgewählte amerikanische Journalisten eingeladen. Das Treffen kommt zu einer Zeit des Umbruchs in der Geldpolitik der großen Notenbanken. Der Offenmarktausschuss der Federal Reserve erwägt eine schrittweise Rücknahme der quantitativen Lockerung. Volkswirte von Geschäftsbanken halten eine erste Verringerung der Anleihekäufe schon bei der Sitzung am 17./18. September für möglich. Zugleich sind die Europäische Zentralbank und die Bank von England dem Beispiel der Bank von Kanada und der Fed gefolgt, sich verbal festzulegen, die Leitzinsen für eine bestimmte Zeit niedrig zu halten. In Jackson Hole böte sich unter dem Thema „Globale Dimensionen der unkonventionellen Geldpolitik“ eine gute Gelegenheit, diese neuen Trends zu diskutieren.

          Mit Bernankes Absage und dem Fernbleiben anderer wichtiger Notenbanker aber steht nun der Mythos des Treffens auf dem Prüfstand. Die Bedeutung, die der Konferenz zugemessen wird, geht auf die neunziger Jahre unter dem damaligen Fed-Vorsitzenden Alan Greenspan zurück. Dieser ließ von 1988 bis 2005 keine der Konferenzen aus und hielt seit 1991 regelmäßig die Eröffnungsansprachen. Diese Tradition führte Bernanke fort - bis zu diesem Jahr. Der Ruf der Jackson-Hole-Konferenz wird dabei schon jetzt oft überhöht. Verklärend heißt es vielfach, Bernanke habe in den vergangenen drei Jahren jedes Mal neue geldpolitische Initiativen angekündigt. Tatsächlich fiel das direkte Urteil der Analysten über Bernankes Reden immer uneindeutig aus - oder er bekräftigte nur vorab fixierte geldpolitische Linien.

          Bernanke betont Dezentralität des Fed-Systems

          Der Fed-Vorsitzende selbst mühte sich im Juni, die Bedeutung der Jackson-Hole-Konferenz herunterzuspielen. Es handele sich nur um eine Notenbankerkonferenz unter vielen, die von einer der zwölf regionalen Fed-Banken im Federal-Reserve-System veranstaltet würde, erklärte Bernanke vor Journalisten. Manche Beobachter interpretieren das als abfällige Bemerkung. Dem abwägenden Bernanke eher gerecht wird wohl die Vermutung, dass er damit tatsächlich die Dezentralität des Fed-Systems betonen wollte. Der Fed-Vorsitzende ist bekannt dafür, dass er den Konsens im Offenmarktauschuss sucht und sich nicht als Anführer à la Greenspan sieht.

          Ein deutlich distanzierteres Verhältnis zu der Konferenz hatte der Vorgänger der beiden, Paul Volcker, der in keinem journalistischen Epos über den Glanz der Jackson-Hole-Konferenz fehlt. Um den begeisterten Fliegenfischer als Teilnehmer zu gewinnen, verlegte die Kansas-Fed einst ihre Forschungskonferenz in die Bergwelt der Rocky Mountains. Die meisten Journalisten lassen freilich aus, dass es Volcker in Jackson Hole nicht so ganz gefallen haben kann. Ausweislich der Tagungsbände nahm er als Fed-Vorsitzender nur einmal, 1982, an der Konferenz teil.

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