https://www.faz.net/-gqe-vwby

Kommunale Krankenhäuser : Ärzte verlangen 10 Prozent mehr

Bild: AP

Im vergangenen Jahr haben die Ärzte wochenlang gestreikt. Jetzt stehen an den kommunalen Krankenhäusern abermals harte Tarifauseinandersetzungen bevor. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund fordert rund zehn Prozent mehr Gehalt. Die Arbeitgeber lehnen die Forderung als unbezahlbar ab.

          2 Min.

          Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) verlangt für die 55 000 Mediziner an kommunalen Krankenhäusern eine Einkommenssteigerung von durchschnittlich 10,2 Prozent. Zudem soll das Gehalt der ostdeutschen Ärzte, das derzeit 97 Prozent des Westniveaus erreicht, vollständig angepasst werden. Die Forderungen habe man dem Verband kommunaler Arbeitgeber (VKA) am Dienstag überreicht, sagte der MB-Vorsitzende Rudolf Henke in Berlin. Der VKA wies das Verlangen zurück: „Mit erneut maßlosen Forderungen von diesmal 8 bis über 14 Prozent Gehaltssteigerung für Krankenhausärzte riskiert der Marburger Bund aufs Neue den Bestand kommunaler Krankenhäuser.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          An diesem Mittwoch will auch die Gewerkschaft Verdi mit dem Beamtenbund ihre Forderung für die 1,3 Millionen Beschäftigten in Bund und Gemeinden verkünden. Erwartet wird eine Ziffer im hohen einstelligen Prozentbereich.

          Henke begründete die 10-Prozent-Forderung mit besseren Verdienstmöglichkeiten der Klinikärzte bei anderen Krankenhausträgern, der hohen Arbeitsbelastung und der anhaltenden Abwanderung von Ärzten ins Ausland, die gestoppt werden müsse. Mit der Forderung sei die Tarifkommission „an die Schmerzgrenze dessen gegangen, was sie der eigenen Mitgliedschaft als verkraftbar vermitteln können“, sagte Henke. „Von den Arbeitgebern erwarte ich Verständnis für unsere Forderung.“

          „Von den Arbeitgebern erwarte ich Verständnis für unsere Forderung”: Rudolf Henke

          Arbeitgeber: Forderungen sind nicht bezahlbar

          Das zeigte der VKA erwartungsgemäß nicht: Die Ärzte hätten erst im vergangenen Jahr mit wochenlangen Streiks Einkommenssteigerungen durchgesetzt, die die Kliniken mit bis zu 13 Prozent zusätzlich belastet hätten, sagte VKA-Hauptgeschäftsführer Manfred Hoffmann. „Die neuerlichen Forderungen können nur durch weiteren Arbeitsplatzabbau bei anderen Beschäftigten finanziert werden.“ Nicht einmal das werde kommunalen Häusern das Überleben sichern. Sie seien von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt; ihr Budget praktisch eingefroren. „Dadurch stehen viele Krankenhäuser finanziell mit dem Rücken an der Wand.“ Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, stellte fest, die MB-Forderung „ignoriert vollständig die Finanzwirklichkeit der Krankenhäuser“.

          Henke wollte nicht sagen, wie sich die Forderung des Verbands in Cent und Euro oder bei den unterschiedlichen Arztgruppen (Assistenz-, Fach-, Ober- oder leitender Arzt) niederschlüge. Aktuell lägen die Brutto-Monatsbezüge in den jeweiligen Gruppen (ohne Zusatzentgelte durch Bereitschaftsdienste) zwischen 3420 Euro und 6500 Euro. Urlaubs- und Weihnachtsgeld gebe es nicht.

          Rund 700 Krankenhäuser betroffen

          Zunächst wolle man mit dem VKA bei den für den 14. Januar angesetzten Verhandlungen über ein Gesamtvolumen reden, sagte MB-Verhandlungsführer Lutz Hammerschlag. Im zweiten Schritt solle dieses Gesamtvolumen dann auf die Tariftabellen umgelegt werde, aber nicht linear. Vielmehr sei es das Ziel des Verbands, die Struktur des Tarifvertrages für die kommunalen Krankenhäuser der anzugleichen, die man mit der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) für die Universitätskliniken geschlossen habe.

          Der läuft noch und sieht zum Januar Gehaltserhöhungen von 2,9 Prozent vor. Auch wenn der Marburger Bund nicht in Details ging, dürfte sich seine Forderung damit aus jener Anhebung und einer entsprechenden Strukturkomponente von rechnerisch gut 7 Prozent zusammensetzen. Hinzu kämen jene 3 Prozentpunkte für die knapp 12.000 Ärzte an den noch 104 kommunalen Krankenhäusern in Ostdeutschland. Im Westen geht es bei den Verhandlungen um knapp 600 Kliniken mit mehr als 43.000 Ärzten.

          Vorhaltungen der Klinikträger, die Gehaltsforderungen seien nicht bezahlbar, ließ Henke, der seit November an der Spitze der Gewerkschaft steht, nicht gelten. Für eine falsche Politik und Finanzierung dürften die Ärzte nicht verantwortlich gemacht werden. Schon heute könne in den neuen Ländern jede zweite Klinikarztstelle, im Westen 28 Prozent nicht mehr anstandslos nachbesetzt werden. Jede unbesetzte Stelle schmälere die Möglichkeiten der Kliniken, Leistungen abzurechnen. Davon wären dann auch Pflegekräfte betroffen. Da zudem die Verweildauer der Patienten immer kürzer werde, steige der Anteil ärztlicher Leistungen, während der von Pflegekräften zurückgehe.

          Weitere Themen

          Keine Lohnfortzahlung bei neuer Erkrankung

          Arbeitsrecht : Keine Lohnfortzahlung bei neuer Erkrankung

          Kranke Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf sechs Wochen Entgeltfortzahlung. Kommt der Mitarbeiter dann direkt mit einem weiteren Krankenschein, kann der Chef die Zahlung verweigern. Das hat das Bundesarbeitsgericht in Erfurt bestätigt.

          Topmeldungen

          Wer er ist, wissen die Deutschen ohne Google. Bei der Frage, was Boris Johnson mit dem Brexit zu tun hat, wird aber gerne die Suchmaschine bemüht.

          Google-Ranking : „Was ist Brexit?“

          Wissen Sie, was Kappa ist oder wer nochmal Evelyn Burdecki war? Das Google-Ranking offenbart so einiges darüber, was die Leute dieses Jahr bewegt hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.