https://www.faz.net/-gqe-7wzi3

Nein : Oh Mann!

  • -Aktualisiert am

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist in Deutschland immer noch gering. Bild: dpa

Müssen Männer es angesichts der Aufholjagd der Frauen gleich mit der Angst kriegen? Und beleidigt „Diskriminierung“ rufen wegen Frauen-Saunatagen, Frauentaxis und Frauenparkplätzen? Gibt es gar eine verlorene Männergeneration? Natürlich nicht. Ein Kommentar.

          Früher war nicht alles besser, schließlich gab es kein Online-Shopping, keine Waschmaschinen, und der Kaffee hat auch nicht italienisch geschmeckt. Manches aber war weniger kompliziert. Zum Beispiel das Leben als Mann. Der Auftrag war eindeutig: Geld verdienen, Familie ernähren, Land verteidigen. Für den Rest waren die Frauen zuständig. Dann aber kam etwas Missliches dazwischen: Die Frauen wollten nicht auf ihrer Seite des Tisches sitzen bleiben. Das hat das Aufgabenheft der Männer durcheinandergewürfelt. Heute sollen sie immer noch Geld verdienen, aber auch die Kinder betreuen. Das ist nicht ohne. Aber müssen Männer es angesichts der - teilweise geförderten - Aufholjagd der Frauen gleich mit der Angst kriegen? Und beleidigt „Diskriminierung“ rufen wegen Frauen-Saunatagen, Frauentaxis und Frauenparkplätzen? Gibt es gar eine verlorene Männergeneration? Natürlich nicht.

          Die Idee hinter Frauenparkplätzen ist, sexuelle Übergriffe zu verhindern. Dass manche Frauen in der Sauna lieber unter sich bleiben, hat ebenfalls Gründe. Und da die Männerforderung nach einer frauenfreien Sauna eher kein Massenphänomen ist, handelt es sich beim nicht existenten Männertag nicht um Sexismus, sondern um die Reaktion auf eine Marktlage. Ähnlich ist es mit dem Frauentaxi und dem auf Frauen spezialisierten Headhunter. Natürlich kann man diese Dinge dennoch als Vorboten einer kritischen Entwicklung sehen, die längst Wirtschaft und Gesellschaft erreicht hat. Das argumentative Problem beginnt aber dort, wo diese vermeintliche Entwicklung ohne Belege bleibt.

          Die nüchternen Fakten zur wenig nüchternen Männerdiskriminierungsdebatte sind ziemlich eindeutig: In den vergangenen zwölf Monaten gingen in Deutschland nur 23,1 Prozent der offenen Vorstands- und Aufsichtsratspositionen an Frauen. Nicht nur der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist hierzulande einer der niedrigsten der Welt, auch das Tempo, mit dem sich das ändert, ist rekordverdächtig gering. In Belgien oder Frankreich ging jede zweite vakante Stelle an eine Frau. Und selbst das bedeutet im Umkehrschluss: Es wurden immer noch genauso viele Männer befördert wie Frauen. Im mittleren Management liegen die Fortschritte in den Dax-Konzernen ebenfalls bei wenigen Prozentpunkten, zum Teil nur in der Nachkommastelle.

          Die nüchternen Fakten sind eindeutig

          Als Totschlagargument gegen eine Frauenquote in Aufsichtsräten wird gerne vorgebracht, es müsse nach Qualität gehen, und leider gebe es schlicht zu wenige Frauen mit Vorstandserfahrung, und in technischen Branchen seien sie ohnehin Mangelware. Ein Blick in die Aufsichtsratslandschaft müsste aber selbst dem glühendsten Quotengegner klarmachen, dass diese Maßstäbe unmöglich für alle männlichen Kandidaten der vergangenen Jahre gegolten haben können. Wie sonst könnte bei BMW ein Forstwissenschaftler im Aufsichtsrat sitzen und bei Henkel ein Astrophysiker? Und welche Vorstandserfahrung bringt der Berufspolitiker und Anwalt Friedrich Merz mit? Und welche Konzernerfahrung der designierte Bahn-Vorstand Ronald Pofalla? Das heißt nicht, dass diese Männer einen schlechten Job machen. Es heißt aber sehr wohl, dass auch Frauen mit einer solchen Vita einen guten Job machen könnten.

          Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser Frauen als die besseren Manager bezeichnet, geht ein Aufschrei durch die Männerwelt. Aber Gerhard Cromme durfte die Topfrauen des Juristinnenbundes altväterlich darauf hinweisen, Aufsichtsräte seien keine Kaffeekränzchen? Übrigens vor seinem Rauswurf bei Thyssen-Krupp. Der Damenwitz hat den Herrenwitz jedenfalls noch längst nicht abgelöst. Aber es stimmt: Gefördert werden Frauen. Von den Firmen allerdings weniger aus Gerechtigkeitsgründen, sondern aus handfesten Interessen: der Sicherung von Spitzenkräften in Zeiten des Fachkräftemangels etwa. Oder weil gemischte Teams kreativer denken. Kürzlich berichtete ein Bosch-Manager der Kanzlerin, wie eine Entwicklerin einen Akkuschrauber unter „Frauenaspekten“ verändert habe. Danach wurden statt 50 000 Stück eine Million im Jahr verkauft. Dass sich im Gegensatz dazu der niederländische Telekomkonzern KPN beklagt, seine Förderprogramme hätten gar keine „echten“ Frauen an die Spitze gebracht, sondern nur solche, die wie Männer agierten, taugt nicht als Gegenbeweis.

          Es ist nämlich kein Wunder, dass heutige Top-Frauen männliche Karrieren hinter sich haben. Die Spielregeln dafür wurden schließlich jahrzehntelang von Männern gemacht. Nur wer zu diesen Bedingungen mitspielte, schaffte es nach oben. Das ändert sich, aber zu langsam. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass die Politik nun Frauen per Quote Zutritt zum Club der Spielmacher verschaffen will. Frauen erledigen nach wie vor den größten Teil der Familienarbeit, mit Folgen für ihre Gehaltsperspektiven und Rentenaussichten. Sicherlich, das ist eine private Entscheidung. Aber sie findet statt in einem Umfeld, in dem nur langsam akzeptiert wird, dass Väter länger Elternzeit nehmen. Auch das könnten die Männer natürlich als Diskriminierung empfinden. Dagegen aufzubegehren erfordert allerdings Mut, anders als das Jammern über eine verschlossene Saunatür.

          Weitere Themen

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Topmeldungen

          Sigmar Gabriel und die SPD : Gute Ratschläge von der Seitenlinie

          Sigmar Gabriel plane angeblich schon das Ende seiner politischen Karriere, heißt es. Es gehört zum ambivalenten Verhältnis der SPD zu ihrem größten Talent, dass viele Genossen sich nicht sicher sind, ob das eine schlechte oder eine gute Nachricht ist. Eine Analyse.
          Greta Thunberg in der vergangenen Woche in Schweden

          Grüne in Schweden : Verloren trotz Greta Thunberg?

          Anders als in Deutschland haben die Grünen bei der Europawahl ausgerechnet in Schweden, der Heimat Greta Thunbergs, schwächer abgeschnitten. Warum ist das so?
          nnegret Kramp-Karrenbauer, Bundesvorsitzende der CDU, spricht bei einer Pressekonferenz am 13. Mai im Konrad-Adenauer-Haus.

          Europawahl-Liveblog : AKK bestreitet Rechtsruck in der JU

          Tories und Labour wollen sich zum Brexit positionieren +++ JU-Chef Kuban: „Schlag ins Gesicht“ +++ Gauland erklärt Grüne zum „Hauptgegner“ für die AfD +++ Alle Informationen im FAZ.NET-Liveblog:

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.