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Lisa Becker (lib.)

Kommentar : Zukunftsfähige Jugend

  • -Aktualisiert am

Erstsemester in Rostock Bild: dpa

Egoistisch, internetsüchtig und politisch desinteressiert? Von wegen! Die Wirtschaft kann sich auf die junge Generation freuen.

          3 Min.

          Egoisten, Performer, Zombies, Generation Porno – das sind einige der unschönen Begriffe, mit denen die „Jugend von heute“ bisweilen charakterisiert wird. Auch andere Kritik schallt den Jugendlichen entgegen: Sie könnten sich nicht konzentrieren, seien internetsüchtig, unhöflich, materialistisch und politisch desinteressiert. Schüler scherten sich mehr um Kleider als um den Schulstoff, Studenten wollten vor allem Spaß. Oft schwingt mit, dass es früher besser war. Wer so über die Jugend herzieht, kann sich zum Beispiel im Internet großer Aufmerksamkeit und Zustimmung gewiss sein. Nur ist er weit von dem differenzierten und insgesamt positiven Bild entfernt, das Forscher von der Jugend zeichnen.

          Es ist schwer zu erklären, warum manche die Jugend so attackieren und warum das bei anderen auf so fruchtbaren Boden fällt. Man sollte doch meinen, dass die älteren Generationen der jungen Generation grundsätzlich mit viel Wohlwollen begegnen. Ist es die Angst der Älteren, nicht mehr mitzukommen in einer Welt, die sich stark verändert; das Paradebeispiel ist die Digitalisierung? Ist es der Neid auf die, die das Leben noch vor sich haben?

          Die Jugend heute tut, was die Jugend früher getan hat: Sie schaut sich an, was die Eltern tun, übernimmt, was sie gut findet, und sie distanziert sich, zum Beispiel über den Gebrauch des Smartphones. Da kommen die Eltern nicht mit, da findet man sein Terrain, kann sich abgrenzen, Eigenes entwickeln. Doch sind die Jugendlichen, wie unlängst die Shell-Jugendstudie – eine repräsentative Befragung junger Menschen zwischen 12 und 25 Jahren – gezeigt hat, keineswegs völlig naiv in der Nutzung der neuen Medien. So schätzt der weitaus größte Teil den Umgang der Internetkonzerne mit den eigenen Daten kritisch ein.

          Jugendliche gebildeter als früher

          Was sich in den vergangenen Jahrzehnten auffallend stark gewandelt hat, ist die Beziehung zu den Eltern. In der Shell-Studie beschreiben stattliche 92 Prozent das Verhältnis zu den Eltern als gut oder bestens. Für drei Viertel ist der elterliche Erziehungsstil vorbildlich. Die Eltern, die das als Kinder anders erlebt haben, können dies manchmal kaum glauben und misstrauen dem Ergebnis. Der Nachwuchs sei so brav, so angepasst, heißt es dann. Doch wird sich niemand im Ernst in die Vergangenheit zurücksehnen. Das heißt nicht, die Gefahren zu übersehen, die die neue Nähe auch birgt: Eltern, die ihren Kindern sehr nahe sind, fällt es oft schwerer, loszulassen.

          Ein besonders sensibles Thema ist die Bildung. Zu viele Jugendliche strebten nach höheren Abschlüssen, heißt es. Auf der anderen Seite wird beklagt, die Jugend werde immer dümmer, lerne in der Schule nichts Gescheites mehr. Für mehr Gelassenheit sollte folgende Statistik sorgen: In den siebziger Jahren besuchten 50 Prozent der Schüler die Hauptschule oder machten keinen Abschluss; heute beginnt mehr als die Hälfte ein Studium.

          Bei aller berechtigten Diskussion über einen Niveauabfall zum Beispiel mit Blick auf das Abitur – die Jugendlichen von heute sind, im Ganzen betrachtet, gebildeter als alle früheren. Zurück in die Siebziger ist bestimmt keine Lösung, lieber sollte man überlegen, wie man ein gutes Niveau sicherstellt – und sich über die Bildungsaspirationen der Jugend auch mal freuen. Was freilich nicht bedeutet, Übertreibungen wie die Bildungspanik mancher Eltern und die Mehr-als-40-Stunden-Woche vieler Pubertierender zu übersehen.

          Nicht faul, sondern anspruchsvoll

          Gerne wird auch der Vorwurf erhoben, es wachse eine bequeme Generation heran. Eine Generation, der es vor allem um Sicherheit am Arbeitsplatz gehe und die nichts mehr leisten wolle. Es stimmt, das zeigt auch die Shell-Studie: Die jungen Menschen wünschen sich einen sicheren Arbeitsplatz. Doch wen wundert das in einer Welt, in der viele Erwachsene sorgenvoll über ihren Arbeitsplatz sprechen? Den Jugendlichen ist es auch wichtig, später einmal Beruf und Familie vereinbaren zu können; auch bei diesem in der Gesellschaft seit Jahren heißdiskutierten Thema haben sie offensichtlich gut zugehört.

          Auf Arbeitgeber wird noch einiges zukommen. Doch sie können dafür auch viel bekommen, denn die Jungen wollen sich einbringen und sich entfalten; sie suchen – wer könnte das falsch finden – nach einer erfüllenden Tätigkeit. Es wächst also keine faule, sondern eine anspruchsvolle Generation heran, die einiges fordern wird und viel zu bieten hat. Für die Unternehmen, die sich darauf einstellen, ist das eine große Chance; und sie werden im stärker werdenden Wettbewerb um Fachkräfte die Nase vorne haben. Die anderen sollten sich im eigenen Interesse wandeln, zumal eine Generation vor der Tür stehen wird, die mit Druck in der Schule umgehen lernen musste, die pragmatisch ist und die die Welt genau beobachtet und mitgestalten möchte.

          Pragmatisch, realistisch, tolerant, weltoffen, engagiert, gestaltungsfreudig, familienorientiert – mit diesen Adjektiven beschreiben Forscher die Jugend von heute. Beneidenswert optimistisch sind die jungen Menschen zudem. Nach der Jugendstudie blicken 61 Prozent zuversichtlich und nur 3 Prozent düster in die Zukunft.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

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