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Kommentar : Sotschi, ein Gemälde russischer Systemfehler

  • -Aktualisiert am

Sotschi 2014: Die teuersten Spiele der Geschichte Bild: dpa

Die Welt wird bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi perfekte Wettkämpfe sehen. Doch wie perfekt wird es jenseits der Sportstätten zugehen?

          Wladimir Putin hat nicht mit Versprechen gegeizt. Russland sei bereit für die olympische Familie, Millionen Russen vereint im Traum von den Winterspielen, sagte der russische Präsident im Jahr 2007 anlässlich der Bewerbung des Schwarzmeer-Kurorts Sotschi. Er hat teilweise recht behalten. Für manche Russen ist mit Olympia ein Traum wahr geworden, zumindest ein materieller. Die ursprünglich von Putin genannten Kosten von 12 Milliarden Dollar waren schnell Makulatur; im Februar 2013 sprach die Regierung schon von 50 Milliarden Dollar – mehr als viermal so viel.

          Diese Winterspiele sind die teuersten Spiele der Geschichte, teurer auch als jede (normalerweise kostspieligere) Variante im Sommer. Und das nicht, weil Russland Gold statt Beton verbaut hätte. Stattdessen gab es Fehlplanungen und Verzögerungen. Die allermeisten Anlagen mussten neu errichtet werden. Aber das für Russland größere und typische Problem sind Misswirtschaft und Veruntreuung. Der als liberal geltende Oppositionspolitiker Boris Nemzow, ehemals Vizeministerpräsident und gebürtig aus Sotschi, veranschlagt das Ausmaß von Korruption und Veruntreuung auf 30 Milliarden Dollar.

          Fatale Auswirkungen

          Für viele Russen, besonders jene ganz unten in der Hackordnung wie Sotschis Bevölkerung, wurde Olympia zum Albtraum. Berichte über menschenverachtende Rücksichtslosigkeit bei den Vorbereitungen sind Legion: Die Bauarbeiten pflügten ein Naturschutzgebiet in den Bergen um, Bauabfälle wurden illegal entsorgt und das Grundwasser gefährdet. Liegenschaftsbesitzer wurden enteignet, Einwohner für neue Gas- oder Stromanschlüsse mit astronomischen Preisen zur Kasse gebeten. Ausländischen Arbeitern, in Heerscharen auf die Baustellen geholt, werden Löhne vorenthalten. Sie haben keine Rechte; wer sich bei der Polizei beschwert, darf froh sein, wenn er nur ignoriert und nicht bestraft wird. Man darf auch vermuten, dass auf den Baustellen, wo unter Hochdruck die Fertigstellung erzwungen wird, viele Menschen verunglückten.

          Sotschi ist das Projekt Putins, aber Putin ist gleichzeitig Herr wie auch Gefangener von Russlands System der Selbstbereicherung, das diese Spiele so klar offenbart haben wie selten zuvor: Je größer und prestigeträchtiger ein staatliches Vorhaben, umso größer ist sein Budget und umso wichtiger sein Gelingen dem Kreml. Umso größer ist damit die Chance, dass die Finanzmittel so lange erhöht werden, bis der Erfolg garantiert ist. Auf jeder Ebene bis zum untersten Subunternehmer können die Involvierten nun ihr großes oder kleines Maß an Entscheidungsgewalt über Budget, Material und Menschen zum eigenen Vorteil ausnutzen. Dort, wo der Staat im eigenen Land am prägnantesten auftritt, ist er am machtlosesten. Die Intransparenz ist schier grenzenlos.

          Sotschi ist ein Bereicherungsprogramm für die russische Elite. Neben dem Staat sind es vor allem Staatskonzerne und wenige auf politisches Wohlwollen hoffende Magnaten, welche die Investitionen tätigen – häufig mit von einer staatlichen Entwicklungsbank geliehenem Geld. Nutznießer sind mit dem Kreml eng verbundene Firmen. Auch die Gerichte sind mit Sotschi-Fällen schon gut beschäftigt, zum einen wegen Verfahren um Umschuldungen oder Schadensersatz (auf einen profitablen Betrieb der Bauten ist nach den Kostenexplosionen kaum mehr zu hoffen), zum anderen wegen Korruptionsermittlungen.

          Logistik eine der größten Sorgen

          Sotschi hätte ein visionäres Projekt mit vielen Pluspunkten werden können. Tatsächlich sind die Spiele so kompakt wie nie: Durch eine nagelneue, wenn auch sündhaft teure Schnellstraße und Eisenbahnverbindung dauert die Fahrt zwischen den Spielstätten im Bergtal Krasnaja Poljana und an der Küste theoretisch nur vierzig Minuten. Die Stadt Sotschi mit 340000 Einwohnern erhielt neue Straßen, einen neuen Flughafen sowie einen neuen Bahnhof für den Stadtteil Adler, wo die olympischen Stadien errichtet wurden. Neue Pipelines und Kraftwerke sollen die Elektrizitätsversorgung sichern; noch fällt in Russlands bekanntestem Ferienort regelmäßig der Strom aus. Tausende Gästezimmer wurden renoviert oder gebaut.

          Doch Russland hat großes Talent, einfache Dinge zu verkomplizieren. Logistik ist eine der größten Sorgen: Wird der Transport funktionieren? Trotz der neuen Straßen erstickt Sotschi schon heute im Stau, der Verkehr wird im Februar kaum abnehmen. Gäbe es nicht die neuen Zugverbindungen, man könnte alle Hoffnung aufgeben. Und wie lähmend werden die Sicherheitsvorkehrungen? Russland will 40000 Polizisten und Soldaten aufbieten, Sotschi in eine rundum überwachte Festung verwandeln und so die islamistische Terrorgefahr aus anderen Teilen des Nordkaukasus ersticken. Es gibt wenig Zweifel: Die Welt wird im Fernsehen perfekte Wettkämpfe sehen. Wie perfekt Olympia abseits der Sportstätten abläuft, das ist die Frage.

          Noch viel größer ist die Frage, wie es nach den Spielen weitergeht. All die neuen Hotels und Stadien wollen gefüllt werden. Schlimmstenfalls hat sich Russland zu einem astronomischen Preis leerstehende Betonlandschaften geleistet. Das wäre sehr bitter in einem Land mit großem Entwicklungsrückstand, wo jeder Rubel vor dem Ausgeben dreimal auf seinen Nutzen geprüft werden müsste.

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