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Kommentar : Russischer Winter

  • -Aktualisiert am

Putins Sanktionen sind eine weitere Eskalation im europäischen Wirtschaftskrieg. Für deutsche Landwirte ist Russland nur ein Nebengeschäft. Träfen die Sanktionen die Autobranche oder den Maschinenbau, wären die Schäden schlimmer.

          Dass Russland nun Obst, Gemüse und Fleisch aus dem Westen boykottieren will, ist zunächst vor allem für die russischen Bürger ein Ärgernis – und zwar ein größeres als für die Wirtschaft der EU oder der Vereinigten Staaten, die der Adressat von Moskaus Sanktionen sein sollen. Russland ist erheblich auf den Import angewiesen, gerade von Fleisch und Käse. Auch die Kartoffellager leeren sich in den harten Wintern schnell und werden mit Lieferungen aus Polen, Ungarn und Deutschland aufgefüllt. Für deutsche Landwirte und Fleischkonzerne ist der Handel mit Russland dennoch bisher nur ein Nebengeschäft, wenn auch ein bis vor kurzem stark gewachsenes. Der Export nach Russland macht aber nur gut 2 Prozent der landwirtschaftlichen Ausfuhr aus.

          In den größeren Zusammenhang eingeordnet, ist der Moskauer Fleischverzicht eine weitere Eskalation im Wirtschaftskrieg mit Europa. Träfen Präsident Putins Sanktionen ebenso pauschal etwa die Autobranche oder den Maschinenbau, wären die wirtschaftlichen Folgen für Deutschland schlimmer, weil Unternehmen aus diesen Branchen viel wertvollere Güter nach Russland schicken. Zudem schwebt aus Sicht europäischer Bürger immer noch die bange Frage nach der Gasversorgung im Winter über allem.

          Die Folgen der Nahrungsmittel-Sanktionen aber dürften überschaubar sein. Russland muss, wenn es seine Bürger im Winter nicht auf eine Brot-Diät setzen will, mehr Obst aus der Türkei kaufen oder Schweine- und Hühnerfleisch aus Asien und Brasilien. Einige Handelsströme werden sich dadurch verlagern. So könnte etwa der Lebensmittelhandel in Deutschland vielleicht weniger türkisches Obst kaufen und dafür mehr der von Russland boykottierten italienischen Früchte – und so weiter. Am Ende könnten Obst und Fleisch für europäische Konsumenten sogar günstiger werden.

          Was die deutsche Landwirtschaft betrifft, treffen die Sanktionen eine Branche, der es wirtschaftlich so gut geht wie lange nicht. Sie steht auf den stabilen Beinen Weltmarkt und deutscher Öko-Staat: Fleischexport und Millionen Euro aus der Ökostrom-Umlage bescheren den Bauern Rekorderträge. Zudem haben die deutschen Landwirte ihren Russland-Schock schon verkraftet: Denn Schweinefleisch, das deutsche Hauptexportprodukt, steht schon seit zwei Jahren immer wieder aus unterschiedlichen Gründen auf der russischen Verbotsliste. Die schlimmste Folge bisher war ein kleiner Preisrückgang in diesem Frühjahr.

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