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Kommentar : Obamas Lohn

Shakehands für mehr Lohn: Präsident Obama mit einem Angestellten eines Schnellrestaurants in Austin, Texas Bild: Reuters

Barack Obama will zum Ende seiner Amtszeit die Mindestlöhne erheblich anheben. Glaubt man dem Präsidenten, schieben die staatlichen Lohneingriffe die Wirtschaft an. Das ist bestenfalls naiv.

          3 Min.

          Seit in Venezuela die Regierung die Supermarktpreise bestimmt, herrscht dort der pure Mangel. Der staatliche Eingriff in die Märkte erzeugt echtes Elend. Dabei verfolgt die sozialistische Regierung nur beste Absichten. Sie will die Waren erschwinglich für arme Menschen halten. Das funktioniert aber nicht. Viele Deutsche wissen das. Sie haben erfahren, dass der Preis von Gütern unerheblich ist, wenn sie nicht verfügbar sind. Was eine Banane kostet, die es nicht gibt, ist schlicht gesagt Banane. Die ganze Welt, abgesehen von Nordkorea oder Kuba, sieht inzwischen angesichts solcher Beispiele ein, dass Kommandowirtschaft Mist ist.

          Die gleiche Welt freut sich aber über einen progressiven Präsidenten Barack Obama, wenn der in die Preisfindung des amerikanischen Arbeitsmarktes eingreift. Obama und seine politischen Freunde in den von starken demokratischen Mehrheiten geprägten Bundesstaaten setzen alles daran, die Mindestlöhne zum Teil drastisch zu erhöhen. Zudem hat das Weiße Haus gerade höhere Jahresgehälter angeordnet für Arbeitnehmer, deren Überstunden bisher nicht entlohnt werden müssen.

          Fallbeispiel amerikanischer Restaurantmanager

          Woher kommt der naive Glaube, dass Eingriffe in Gütermärkte zwar böse enden mögen, staatliche Eingriffe in den Arbeitsmarkt hingegen positiv wirkten? Man muss nicht Milton Friedman heißen, um den Schaden staatlicher Lohninterventionen zu begreifen. Man könnte sich stattdessen in einen amerikanischen Restaurantbesitzer hineinversetzen. Ein solcher kämpft in den Vereinigten Staaten in der Regel mit geringen Gewinnmargen von zwei bis drei Prozent. Wenn er seine Gaststätte im kalifornischen Los Angeles betreibt, dann muss er den Mindestlohn seiner Kellner von jetzt gut neun Dollar bis Juli 2017 auf zwölf Dollar anheben, eine Preissteigerung von 33 Prozent in einem wichtigen Kostenbereich der Gastronomie. Seine Schwierigkeiten sind damit aber noch nicht zu Ende. Denn womöglich muss er für den Restaurantmanager, der bisher 40.000 Dollar im Jahr verdient, deutlich drauflegen, weil der nicht 40 Stunden, sondern 45 Stunden zu arbeiten pflegt. Für ihn hat Obama eine Lohnerhöhung von mehr als elf Prozent vorgesehen, was dem Präsidenten insofern leichtfällt, als es sich nicht um sein eigenes Geld handelt.

          Dem Gastwirt bleibt nach diesen beherzten staatlichen Interventionen eine Handvoll Reaktionsmöglichkeiten, die gemeinsam haben, dass sie die Wirtschaft eher nicht beflügeln: Er kann die Preise erhöhen mit der Gefahr, sich aus dem Markt zu manövrieren. Er kann versuchen, mit weniger Personal auszukommen, auf das Risiko hin, für schlechteren Service bestraft zu werden. Vielleicht verzichtet er aber auf seinen Gewinn und damit in der Regel auf jegliche Motivation zur weiteren Expansion. Oder aber, er investiert in Roboter und Maschinen, die die Niedriglöhner ersetzen. Die Schnellrestaurantkette Wendy’s will, um Arbeitsplätze zu sparen, in vielen tausend Filialen Automaten aufbauen, in die die Kunden ihre Bestellungen eingeben. Das ist mittelfristig wegen der damit verbundenen Produktivitätssteigerung vermutlich positiv für die amerikanische Wirtschaft, aber gewiss nicht im Sinne Obamas, der ja den Schwachen helfen will.

          Düstere Aussichten für arbeitslose Schwarze

          Man muss sich auch in den arbeitslosen Arbeitnehmer hineinversetzen, der für die Mindestlohnjobs in Frage kommt. Das sind in Amerika Leute ohne Schulabschluss oder solche, die gerade einen High-School-Abschluss vorweisen können. Diese Gruppen stellen rund 63 Prozent der Berufsanfänger in den Vereinigten Staaten. Die Arbeitslosenquote der 16- bis 19-Jährigen liegt bei 16 Prozent, dazu kommen sehr viele, die nicht wirklich einen Job suchen. Für junge Schwarze liegt die Arbeitslosenquote offiziell sogar bei 31 Prozent, dazu kommen noch viele, die Teilzeit arbeiten, obwohl sie eine volle Stelle wollen.

          Der 19 Jahre alte Schwarze, der bei dem bisherigen Lohnniveau schon keine Stelle gefunden hat, wird mit großer Sicherheit keine besseren Chancen haben, wenn die Mindestlöhne steigen, im Gegenteil. Über sein Schicksal muss man sich aber Gedanken machen, weil er zu der am stärksten schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten gehört. Eine Mindestlohnerhöhung verdüstert seine Perspektiven, dem Elend zu entrinnen.

          Verführerische Moral

          Dann sind da noch die Kellner und Restaurantmanager, die nun Dank der staatlichen Interventionen deutlich mehr Geld verdienen. Das ist natürlich schön. Das Weiße Haus propagiert die Idee, dass die Lohnerhöhungen der Volkswirtschaft einen Schub geben, weil die Profiteure der Lohnerhöhung das Geld schnell unter die Leute bringen. Das ist eine Variante. Möglich ist aber auch, dass die Kellner sehen, wie ihr Arbeitgeber strauchelt angesichts der staatlich verordneten Belastungen. Dann halten sie ihr Geld vielleicht lieber zusammen als Puffer gegen eine drohende Arbeitslosigkeit.

          Das Weiße Haus kommt zur Begründung der Lohneingriffe mit der verführerischen Moral, hart arbeitende Amerikaner brauchten das Geld. Solche Argumente sollten jeden alarmieren, der auf nüchterne ökonomische Gründe wartet. Mit Moral begründen auch Venezuelas Despoten den Eingriff in die Märkte. Moral kann man aber nicht essen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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