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Kommentar : Notenbanker können nicht zaubern

  • -Aktualisiert am

Der Dax hat im Vergleich zu seinem Börsenhoch im Vorjahr fast 30 Prozent verloren. Auf Hilfe von Notenbankern sollte sich die Finanzwelt dieses Mal nicht verlassen.

          Die vergangene Woche war eine Horrorwoche für alle Menschen, die Aktien besitzen. Der Dax fiel zeitweise um sieben Prozent auf unter 9000 Punkte. Im Vergleich zum Börsenhoch im Vorjahr hat er fast 30 Prozent verloren. Außerdem ist dies keine gute Zeit, um eine Großbank zu sein oder bei ihr ein Konto zu haben. Nachdem der Aktienkurs der Deutschen Bank eingebrochen ist, will sie jetzt sogar eigene Schulden zurückkaufen, um die Anleger zu beruhigen. In Amerika kaufte Jamie Dimon, Chef von JP Morgan, aus dem gleichen Grund persönlich Aktien seiner Bank im Wert von 26 Millionen Dollar.

          Bei all dem Tumult drängt sich eine Frage auf: Wieso gerade jetzt?

          In der vergangenen Woche ist nichts wesentlich Neues in der Weltwirtschaft passiert. Weder sind neue Bankenskandale bekanntgeworden noch wurden schockierend schlechte Wachstumszahlen für ein großes Land festgestellt.

          Mit billigem Geld allein kann man die Wirtschaft nicht dauerhaft antreiben

          Spekuliert wird über alles Mögliche, ein Gerücht jagt das nächste. Und zu den relativ plausiblen Gründen, die es schon gibt, muss man sagen: Sie sind allesamt schon länger da. Wieso etwa sollte der niedrige Ölpreis gerade jetzt - nach beinahe einem Jahr des Niedergangs - ein Problem sein?

          In Wirklichkeit gibt es vor allem einen Grund, wieso die Märkte nun so erregt sind: Es setzt sich - langsam, aber sicher - die Erkenntnis durch, dass Zentralbanken nicht alles können, dass sie vor allem nicht zaubern können.

          Jahrelang hing die Finanzwelt an den Lippen der großen Notenbanker. Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 haben Mario Draghi und Ben Bernanke sowie jetzt Janet Yellen mit ihren Interventionen gewaltige Macht über die Börsen gewonnen. Erst reagierten sie mit radikalen Zinssenkungen. Dann kauften sie Staatsanleihen in sagenhaftem Ausmaß. Die Börsen jubilierten. Zeitweise konnte man denken, nichts anderes bewegt die Finanzwelt außer den Entscheidungen geheimnistuerischer Gremien voller Menschen, denen Worte wie „Transmissionsmechanismus“ locker über die Lippen gehen.

          Das alles fing die Wirtschaft erst einmal auf. Es überdeckte die Probleme, konnte sie aber nicht lösen. Mit billigem Geld allein kann man die Wirtschaft nicht dauerhaft antreiben, weil es sonst irgendwann andere Widrigkeiten gibt: Preisblasen, Finanzkrisen, Inflation. Das wollen die Notenbanker verhindern. Irgendwann, da waren sich deshalb alle stets einig, müsse man zurückkehren zu einer Geldpolitik, die ohne massenhafte Staatsanleihekäufe auskommt und ohne dauerhafte Niedrigzinsen.

          Die amerikanische Notenbank steckt in der Falle

          Jetzt schien die Zeit gekommen, zumindest für Amerika. Die Wirtschaft läuft, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Wann, wenn nicht jetzt, soll man es machen? Fed-Präsidentin Janet Yellen hat im Dezember erstmals eine Zinserhöhung gewagt.

          Zunächst schien das auch gutzugehen. Doch dann, im Januar, ging es bergab und bergab an den Börsen, im Februar noch mehr. Und mittlerweile hat Yellen offenbar Angst vor der eigenen Courage bekommen. In der vergangenen Woche hat sie angedeutet, dass sie die Zinsen nicht weiter erhöhen will. Zu sehr sorgt sie sich wohl, dass sie selbst gerade damit die Finanzwelt destabilisiert.

          Die amerikanische Notenbank, sie steckt in der Falle. Erhöht sie die Zinsen weiter, fürchtet sie stürzende Börsen. Schickt sie wieder billiges Geld in die Welt, dann bricht sie ihr Versprechen, aus der Politik des billigen Geldes auszusteigen. Eigentlich kann sie sich derzeit kaum bewegen.

          Erschrocken erkennt die Finanzwelt: Sie kann sich auf die Hilfe der Notenbank derzeit nicht verlassen. Sie ist auf sich gestellt. Die Investoren müssen nun wieder auf die Wirklichkeit der Wirtschaft blicken: auf die Banken, die immer noch labil sind; auf Chinas Wachstum, das schwächelt. Nichts davon ist bislang ein Drama, aber die Investoren müssen sich daran gewöhnen, dass die Notenbank das nicht wegzaubern wird.

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