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Kommentar : Marktschreier der Armut

Armut ist das Geschäft des Paritätischen Gesamtverbands. Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit vertraut er weniger als andere auf die Kraft guter Argumente. Sein jüngster Bericht bestätigt das.

          Armut ist das Geschäft des Paritätischen Gesamtverbands, der 10.000 soziale Organisationen vertritt. Mit fünf weiteren Dachverbänden der Wohlfahrtspflege konkurriert er um politische Aufmerksamkeit und Geld.

          In diesem Wettbewerb vertraut er weniger als andere auf die Kraft guter Argumente. Sein jüngster Armutsbericht bestätigt das. Der längst bekannte, geringfügige Anstieg der Armutsrisikoquote um 0,3 auf 15,7 Prozent wird da zu einer „skandalösen Zunahme“ und Anlass zur Forderung einer armutspolitischen Offensive.

          Tatsächlich spiegelt sich hier die große Fluchtwelle 2015, wie die einer Verniedlichung der Armut unverdächtige Böckler-Stiftung der Gewerkschaften im Herbst schrieb. Für die übrige Bevölkerung hat sich die Gefahr, in Armut zu rutschen, nicht erhöht. Hinzu kommt die große Problematik dieses Maßes, das Menschen mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Mittelwerts als armutsgefährdet einordnet, ohne zu differenzieren. Darunter fallen Auszubildende und Studenten, die kein Armutsrisiko tragen. Ausgeblendet wird die Kaufkraft und anderes mehr. Der Sozialstaat funktioniert viel besser, als die sozialen Marktschreier glauben machen wollen.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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