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Kommentar : Keine Helmpflicht für Radler

Nein, nein, nein, nicht schon wieder. Keine Helmpflicht für Radfahrer. Auch keine Gutachten darüber einholen. Auch nicht darüber nachdenken. Es geht den Staat nichts an.

          Ständig kommt die Debatte über eine Helmpflicht für Radfahrer wieder hoch. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) kündigt an, mit Thüringen eine Expertise über die Folgen von Helm und Pflicht einzuholen. Im Berliner Koalitionsvertrag heißt es: „Wir wollen darauf hinwirken, dass deutlich mehr Fahrradfahrer Helm tragen.“ Immerhin geht es hier nicht um eine Pflicht - aber wie kurz der Weg dahin ist, zeigte uns Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer: Er verknüpfte Tragequote und Pflicht - wenn in den kommenden Jahren nicht mehr als 50 Prozent der Radler Helm trügen, müsse man über ein Gesetz nachdenken.

          Vor einiger Zeit gab ein Gerichtsurteil der Diskussion neue Nahrung. Eine Radlerin war von der Tür eines parkenden Autos erwischt worden - und bekam vom Oberlandesgericht Schleswig-Holstein eine Mitschuld. Nicht, weil sie Verkehrsregeln verletzt hätte, sondern weil mit Helm die Kopfverletzungen möglicherweise glimpflicher ausgegangen wären.

          Zunächst einmal ist eine Helmpflicht aus ganz pragmatischen Gründen zweifelhaft. Die Leute steigen schlicht weniger aufs Rad - das haben schon Verkehrszählungen in Australien ergeben, wo in Teilen des Landes eine Helmpflicht gilt. Nicht immer ist ein Kopfschutz zur Hand, und ganz kompliziert wird es bei Mietfahrrädern, die in den vergangenen Jahren so populär geworden sind. Auch will manche und mancher ganz banal die Frisur nicht zauselig machen auf dem Weg zur Arbeit. Und egal, ob man das als reine Eitelkeit sieht: Wenn die Leute, aus welchem Grund auch immer, keinen Helm tragen wollen, fallen sie als Radler weg und steigen ins - riskantere - Auto um. Entgegen allen verkehrspolitischen Zielen.

          Das sind einige praktische Erwägungen gegen eine Helmpflicht; noch gravierender ist aber die grundsätzliche Frage, welche Haltung hinter den Forderungen nach gesetzlich geregeltem Kopfschutz steht. Warum soll der Staat in die Entscheidung hereinreden, welches Risiko der Bürger für sich eingehen darf? Wohlgemerkt: für sich selbst. Hier geht es ausschließlich um das eigene Risiko - nicht um die Behinderung oder Gefährdung anderer. Man kann für oder gegen das - mancherorts erlaubte - Radeln gegen die Einbahnstraße sein, weil dies auch andere Verkehrsteilnehmer betrifft. Oder gegen das - ebenfalls mancherorts erlaubte - Radeln in Fußgängerzonen. Aber in die eigene Risikoabwägung darf sich der Bürger nicht reinreden lassen.

          Helmtragen ist Bürgersache

          Hier kommt gerne das Argument, dass die Gemeinschaft über die Krankenkassen ja für die Unfallfolgen aufkomme. Aber Vorsicht! Mal abgesehen davon, dass es Studien gibt, die den Nutzen des Helms bestreiten: Wer dieses Argument anführt, betritt gefährliches Terrain. Er darf dann selbst vielleicht bald nicht mehr rauchen. Oder sich lange in die Sonne legen. Oder einen fetten Braten vertilgen.

          Ja, es stimmt, die Balance zwischen Sanktion und individueller Souveränität gilt es immer wieder zu bewerten. Diese Frage betrifft etwa auch die Gurtpflicht für Autofahrer. Für den echten Liberalen ist sie schlimm genug; wenigstens ist der Eingriff hier aber nicht ganz so schwerwiegend. Der obligatorische Helm für Radfahrer dagegen ist völlig unverhältnismäßig. Wie weit gehen wir dann noch? Tragen wir in 20 Jahren auch als Fußgänger Helm? Weil wir angefahren werden könnten?

          Merkwürdig übrigens: Da appelliert der Staat zunehmend an die „Eigenverantwortung“ seiner Bürger - nämlich da, wo er Geld sparen will, etwa bei der Rente. Aber wenn es um die persönliche Freiheit des Einzelnen geht: Da zählt die Eigenverantwortung dann nicht mehr.

          Nein, nein, nein - Schluss mit dieser Diskussion. Helmtragen ist Bürgersache. Nicht Sache des Staates.

          Klaus Max  Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

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