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Kommentar : Festung Heathrow

  • -Aktualisiert am

Das „Open Sky“-Abkommen erlaubt es den Europäern zwar alle Flughäfen in Nordamerika anzusteuern und von dort aus Weiterflüge in Drittstaaten zu organisieren. Den Streit über Eigentümerfragen bei amerikanischen Fluglinien wird es wohl nicht ausräumen.

          Am heutigen Donnerstag könnte sich der Himmel ein weiteres Stück öffnen: Die Verkehrsminister der 27 EU-Staaten wollen - möglichst einstimmig - die Liberalisierung des transatlantischen Luftverkehrsmarktes verabschieden. Der unter dem Namen "Open Skies" über Jahre mühsam ausgehandelte Pakt zwischen der EU und den Vereinigten Staaten ist seit Anfang März beschlussreif. Geben jetzt auch die Fachminister grünes Licht, steht einem erfolgreichen Gipfeltreffen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten nichts mehr im Wege.

          Das Abkommen würde von Oktober an gelten. Es soll den Fluggesellschaften auf beiden Seiten des Atlantiks mehr Zugang zum Markt verschaffen. So erlaubt es den Europäern, alle Flughäfen in Nordamerika anzusteuern und von dort aus Weiterflüge in Drittstaaten zu organisieren. Jedoch bleibt der lukrative amerikanische Inlandsmarkt für Konkurrenz aus Europa weiter verschlossen. Weitaus vorteilhafter sieht der Pakt hingegen für Anbieter aus Übersee aus: Amerikanische Gesellschaften können ihre Flugziele auf dem Kontinent und in Großbritannien freier wählen.

          Briten sehen Schlüsselposition gefährdet

          Daher berührt diese Reform in besonderem Maß London-Heathrow, das mit jährlich 67 Millionen Fluggästen größte Flughafen-Drehkreuz in Europa, die Heimatbasis von British Airways (BA). Der ehemalige Staatsmonopolist in Großbritannien ist es denn auch, der seine Schlüsselposition in der Heimat sowie im gewinnträchtigen Geschäft mit den Nordatlantik-Routen durch das Abkommen gefährdet sieht. Bis zuletzt haben die Briten daher versucht, eine stärkere Öffnung des amerikanischen Marktes zu erreichen, um Chancengleichheit zwischen den britischen und den amerikanischen Fluggesellschaften herzustellen. Doch selbst ein Anruf von Premierminister Tony Blair bei Präsident George Bush am Dienstag scheint nichts mehr bewegt zu haben.

          Gegenwärtig wickeln britische Flughäfen 40 Prozent aller Flüge zwischen Europa und Nordamerika ab. Davon entfällt der Löwenanteil auf Heathrow. Nach bisheriger Absprache durften vom größten Flughafen der britischen Hauptstadt aber nur vier Gesellschaften die lukrativen Langstrecken bedienen: Marktführer BA, der rund 46 Prozent aller Start- und Landerechte besitzt, Lokalrivale Virgin Atlantic mit 17 sowie American Airlines mit 20 und United Airlines mit 13 Prozent.

          Lizenz zum Gelddrucken

          Der Sonderstatus in Heathrow kam für BA über Jahre einer Lizenz zum Gelddrucken gleich. Schließlich erwirtschaftet Europas drittgrößte Fluggesellschaft rund zwei Drittel ihres Konzerngewinns auf den Transatlantik-Routen. Die Aussicht, dass künftig Rivalen wie Delta Air oder Continental Airlines in die BA-Domäne einbrechen könnten, ließ Konzernchef Willie Walsh sogar mit dem Erzrivalen Virgin Atlantic paktieren. Beide Unternehmen bedrängen Blair und dessen Verkehrsminister Douglas Alexander, für den Erhalt ihrer "Festung Heathrow" zu kämpfen.

          Doch in der Rolle des Sachwalters britischer Interessen kann der Premier hier nur scheitern. Deutschland und Frankreich, aber auch die übrigen EU-Partner sind fest entschlossen, das Open-Sky-Abkommen durchzuwinken. Zwar sind auch sie nicht ganz zufrieden mit den erreichten Fortschritten auf dem amerikanischen Markt, doch schätzen sie die Möglichkeit auf weitere Zugeständnisse gering ein - und wollen am Ende nicht mit leeren Händen dastehen. Um die Briten nicht zu isolieren, muss Alexander dem Pakt wohl zähneknirschend zustimmen. Hinter den Kulissen der politischen Bühne Londons sowie in den Chefetagen von BA und Virgin Atlantic dürfte allerdings der Groll über das krasse Missverhältnis im transatlantischen Luftfahrtgeschäft bis auf weiteres anhalten.

          Streit um Eigentumsrechte geht wohl weiter

          Manager der führenden Gesellschaften sind auch deswegen verstimmt, weil das neue Abkommen die seit Jahren strittigen Eigentümerfragen bei amerikanischen Fluglinien nicht ausräumt. Danach dürfen Ausländer höchstens 25 Prozent der stimmberechtigten Aktien bei einem Konkurrenten aus Übersee erwerben. Die Nachteile solcher Auflagen spürt Richard Branson. Der Multiunternehmer, der unter anderem an Virgin Atlantic beteiligt ist, wollte zu Jahresbeginn seine neue Billigfluglinie mit Sitz in San Francisco starten.

          Doch sein Projekt "Virgin America" geriet aus dem Zeitplan, weil der britische Milliardär mit schier unerfüllbaren Auflagen in Bezug auf Management, Rechtsform oder Finanzen konfrontiert wurde. Das Vorgehen der amerikanischen Behörden schürt den Verdacht, dass bürokratische Blockaden gezielt genutzt werden, um Konkurrenz aus dem Ausland fernzuhalten.

          „Unsichere Kantonisten“

          Blair wollte im Dialog mit Bush wenigstens dieses Ärgernis ausräumen. Er hatte gehofft, dem Partner aus Washington verbindliche Zusagen abzutrotzen, um europäischen Investoren das unternehmerische Engagement in Übersee zu erleichtern. Doch dem amerikanischen Präsidenten scheinen schon allein wegen des heftigen Widerstands im Kongress, wo in diesem Zusammenhang stets Bedenken wegen der nationalen Sicherheit ins Feld geführt werden, die Hände gebunden.

          Mit Blick auf den "unsicheren Kantonisten" Großbritannien warnte Brüssels Verkehrskommissar Jacques Barrot vor der heutigen Abstimmung davor, das Paket aufzuschnüren. Wer gleiche Wettbewerbsverhältnisse im Flugverkehr diesseits und jenseits des Atlantiks herstellen will, sollte den Briten jedoch die Daumen drücken. In seinem jetzigen Zustand ist der Pakt aus europäischer Sicht noch nicht befriedigend. Ist er erst einmal in Kraft, wird es sehr schwer werden, den Amerikanern weitere Zugeständnisse abzuhandeln. Die Europäer haben ihr Pulver dann verschossen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

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