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Kommentar : Die Herrschaft der Putin-Versteher

  • -Aktualisiert am

Der Kreml gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Bild: Picture-Alliance

Wandel durch Handel? Von dieser Idee muss man sich wohl verabschieden – was Russland betrifft: Unter deutschen Unternehmen in Moskau jedenfalls wimmelt es nur so von Putin-Verstehern.

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          Es war ein Aufschrei. Im März 2014, kurz nach Russlands völkerrechtwidriger Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim, reiste Siemens-Chef Joe Kaeser nach Moskau und traf Präsident Wladimir Putin. Kaeser lobte Putin vor Kameras für die Olympischen Winterspiele in Sotschi, die ein „Triumph“ für Russland gewesen seien – zu einem Zeitpunkt, als sich der viel größere Triumph des Kremls schon in Gestalt grüner Männchen auf der Krim manifestiert hatte. Anschließend musste sich Kaeser in deutschen Medien rechtfertigen, wie er in solch einer geopolitischen Wetterlage überhaupt nach Russland fahren konnte.

          Doch Kaeser wäre ein schlechter Konzernchef, wäre er zu Hause geblieben. Er trägt Verantwortung für Angestellte, Geldgeber und Aktionäre, für Kunden, Aufträge und Investitionen. Siemens ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Russland aktiv, der Konzern betreibt hier Werke und beschäftigt viele Mitarbeiter. Wann soll ein Unternehmer eher in einen wichtigen Markt reisen und versuchen, Informationen aus erster Hand zu erhalten: Wenn dort alles gut läuft oder wenn eine Krise droht? Dass man von Putin keine konstruktive Antwort erhält, wenn man ihn gleich im ersten Satz beschimpft, mag auf der Hand liegen.

          Seit dieser Episode haben sich zwei Dinge geändert, und zwar in entgegengesetzte Richtungen: Zum einen ist die öffentliche Empörung abgeklungen. Als vergangene Woche die wichtigste Wirtschaftskonferenz des Landes in St. Petersburg abgehalten wurde, gab es in Deutschland keine Diskussion, ob dieser oder jener Manager anreisen dürfe. Doch zum anderen, und das ist nicht ohne Ironie, gibt es inzwischen wirklich Gründe für einen Aufschrei.

          Einstellung vieler Unternehmen ist besorgniserregend

          Das Problem ist nicht, dass westliche Konzerne ihre Arbeit in Russland fortsetzen. Viele Chefs aus der Erdöl- und Erdgasindustrie waren nach Petersburg gekommen, einige Abkommen wurden unterzeichnet – obwohl der Erdöl- neben dem Finanz- und Rüstungssektor ein Ziel westlicher Sanktionen ist. Doch die konventionelle Förderung ist nicht eingeschränkt; die Vertreter von BP, Shell und Total bewegen sich im geltenden Rechtsrahmen, wenn sie Projekte im rohstoffreichen Russland vorantreiben. Man kann an Konzerne appellieren, aus moralischen Erwägungen auf legale Geschäfte zu verzichten. Einklagen kann man es nicht. Dazu müssten die Sanktionen verschärft werden; diese Woche hat die EU sie aber lediglich verlängert.

          Besorgniserregend ist vielmehr die Einstellung vieler deutscher Unternehmer. Es geht nicht um Konzernchefs, die gelegentlich Moskau besuchen. Es geht um jene Manager, die seit Jahren in Russland leben und dort verwurzelt sind. Während man Lobby-Organisationen wie dem Ost-Ausschuss oder dem Deutsch-Russischen Forum kalkulierte öffentliche Äußerungen im Dienste ihrer Klientel unterstellen kann, sprechen diese Wirtschaftsvertreter aus tiefem Herzen. Und von dem, was deutsche Unternehmer in inoffiziellem Rahmen von sich geben, kann manchmal selbst die russische Staatspropaganda noch lernen.

          Eine Auswahl: Der ganze Ukraine-Konflikt basiere auf der Aggression der Amerikaner, bei denen sich außerhalb Russlands niemand beschwere, wenn sie ihre geopolitischen Interessen verfolgten. Russland hingegen dürfe in den Augen des Westens keine Interessen haben. Gleichwohl brächten sich die Amerikaner, pragmatisch wie sie seien, schon wieder in Position, um mit Russland Geschäfte zu machen. Die EU (deren Handelsvolumen mit Russland 2013 etwa 15 Mal so groß war) drohe den Anschluss zu verlieren, nachdem sie jahrelang Russlands berechtigte Anliegen ignoriert habe. Und auch das hat man schon vernommen: Die Sanktionen brächten russische Waisen um ihr tägliches Brot.

          Das Verständnis für Putin ist mit Händen zu greifen

          Fast ausschließlich hört man in Moskau solche Positionen, in denen viel zynische Menschenverachtung steckt. Natürlich kann und muss über Fehler von Kiew, Berlin, Brüssel und Washington diskutiert werden. Wahr ist aber auch: Ein Großteil der mehr als 6000 Menschen, die im Krieg in der Ostukraine sterben mussten, wäre ohne Moskaus verdeckte Aggression und den steten Nachschub an Waffen, Finanzmitteln und Soldaten aus Russland noch am Leben. Doch deutsche Unternehmer sind in der Lage, sich zwei Stunden über die schädliche Wirkung der Sanktionen, die Handelsnachteile gegenüber Asien und den möglichen Verlust von Marktanteilen zu echauffieren, ohne das Wort Ukraine in den Mund zu nehmen. Selbst verhaltene Kritik am Kreml bleibt aus, das Verständnis für Putin ist mit Händen zu greifen.

          Nun hat jeder ein Recht auf seine Meinung und darf sie frei äußern. Doch von einer Idee muss man sich wohl verabschieden: der Entwicklung Russlands zu einer freien, offenen, universellen Werten verpflichteten Gesellschaft durch wirtschaftlichen Austausch, durch gegenseitigen Umgang von Unternehmern, durch ihre Gespräche und Debatten. Einst war auch das Teil der deutschen Modernisierungspartnerschaft. Derzeit ist davon nichts zu erwarten. Wenn die Unternehmer, die den engsten Kontakt zu Russland pflegen, schon stramm auf offizieller Kreml-Linie sind – dann entwickeln sich aus Gesprächen keine neuen Einsichten und kein Fortschritt. Zwar wirkt auch Konsens völkerverbindend. Aber dieser Konsens ist beschämend.

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