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Kollaps droht : Ukrainische Sparer räumen Milliarden von Konten ab

Nur Bares ist Wahres: Die Ukrainer treffen sich dieser Tage am Geldautomaten. Bild: AFP

Die Sparer in der Ukraine bringen die Banken in die Bredouille – und auch den neuen Zentralbankpräsidenten. Denn sie heben Milliarden von ihren Konten ab.

          Die Banken in der Ukraine haben in der vergangenen Woche 7 Prozent ihrer Spareinlagen verloren. Allein an den drei Tagen, an denen auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan in Kiew die Straßenschlachten eskalierten, zogen Sparer umgerechnet 2,3 Milliarden Euro von ihren Bankkonten ab. Dies hat Zentralbankpräsident Stepan Kubiv am Mittwoch zugegeben.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kubiv ist ein Parlamentsabgeordneter der Partei von Julia Timoschenko und zuletzt einer der „Kommandanten“ auf dem Maidan gewesen. Von 2000 bis 2008 war er Vorstandsvorsitzender der Kredobank, die zur polnischen Bank PKO gehört. Seit Montag ist der 51 Jahre alte Kubiv, der von Beobachtern in Kiew als fähig und besonnen beschrieben wird, neuer Präsident der ukrainischen Zentralbank und damit für die Finanzstabilität zuständig. Er prüfe jetzt weitere Maßnahmen, um das Geldabheben zu begrenzen, sagte Kubiv am Mittwoch. Tatsächlich muss ihn eine große Sorge umtreiben: Wenn zu viele Menschen gleichzeitig an ihr Geld auf dem Bankkonto wollen, kann das gesamte Bankensystem zusammen brechen. Zumal sich in den östlichen Gebieten der Ukraine in Richtung der russischen Grenze die Lage am Mittwoch weiter zuspitzte, weil Russlands Präsident Wladimir Putin seine Armee in Alarmbereitschaft versetzte.

          Verschärfte Devisenkontrollen

          Schon unter alter Führung hat die ukrainische Nationalbank mit verschärften Devisenkontrollen den Kapitalabzug zu dämpfen versucht. Seit zweieinhalb Wochen dürfen Privatleute nur noch für umgerechnet 50.000 ukrainische Griwna (rund 4000 Euro) ausländische Devisen erwerben. Außerdem setzte die Zentralbank nach Schätzungen von Goldman Sachs allein im Februar 6 Milliarden Dollar ein, um die heimische Währung zu stützen. Doch inzwischen sind ihre gesamten Devisenreserven wohl auf weniger als 15 Milliarden Dollar geschmolzen. Nun nähert sich der offizielle Kurs der Griwna rapide den seit Monaten deutlich niedrigeren Schwarzmarktkursen an. Allein am Mittwoch verlor die Griwna nach offiziellen Kursen von Bloomberg und Reuters, die allerdings deutlich voneinander abwichen, rund 5 Prozent. Seit einem Monat hat die Griwna 16 Prozent an Wert verloren. Auch diese dramatischen Kursverluste deuten darauf hin, dass Geld aus dem Land gebracht wird.

          Nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch am Wochenende hat die Übergangsregierung den Bedarf an Finanzhilfen auf 35 Milliarden Dollar beziffert, sonst werde die Ukraine zahlungsunfähig. Die meisten internationalen Anleger haben darauf gelassen reagiert. Sie gehen offenbar davon aus, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Europäische Union der Ukraine schon helfen werden. Dabei wird die Auslandsverschuldung oft unterschätzt. Nach Daten der britischen Bank Barclays hatte die Ukraine zum Jahresende 2013 fast 59 Milliarden Dollar an Fremdwährungsverschuldung. Der Großteil entfällt mit 40Milliarden Dollar auf private Unternehmen, gefolgt von Banken mit 13 Milliarden Dollar. Der Staat ist „nur“ mit 6,5Milliarden Dollar verschuldet.

          Viele Gläubiger halten es für wahrscheinlich, dass die öffentliche Auslandsverschuldung weiter mit Zins und Rückzahlung geleistet werden kann. So stieg zum Beispiel der Kurs für die ukrainische Dollar-Staatsanleihe mit Fälligkeit im Jahr 2023 von 85 Prozent am Freitag am Montag deutlich auf 90 Prozent. Am Mittwoch gab Bloomberg einen Kurs von 87Prozent an. Dies entspricht einer Jahresrendite von 9,5 Prozent. Harwig Wild, Devisenfachmann des Bankhauses Metzler, glaubt aber nicht, dass selbst bei internationaler Hilfe für die Ukraine deren private Gläubiger völlig ungeschoren davon kommen. Gerade zu Wochenbeginn seien die ukrainischen Anleihegläubiger zu euphorisch gewesen. „Die Wahrscheinlichkeit hat deutlich zugenommen, dass sie einer Umstrukturierung, womöglich einem Schuldenschnitt, werden zustimmen müssen“, sagt Wild.

          Spürbar sind die Turbulenzen in der Ukraine auch für Russland. Auf dem Devisenmarkt hat der russische Rubel seit Jahresanfang zum Dollar um 8 Prozent abgewertet. Nun ist er so billig wie zuletzt im Jahr 2009. Dennoch ist fraglich, ob Russland genügend Interessen hat, um sich an Finanzhilfen für die Ukraine zu beteiligen. Die russische Zentralbank hat im Dezember mitgeteilt, russische Banken seien mit weniger als einem Prozent der Bilanzsumme in der Ukraine engagiert. Die Rating-Agentur Moody’s schätzt, dass die vier Institute Gazprombank, VEB, Sberbank und VTB zusammen zwischen 20und 30 Milliarden Dollar an Krediten in der Ukraine ausstehen haben.

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