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Klimaschutz : Die neue Öko-Bewegung der Städte

München im Trend: Die Stadt will zu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien Bild: picture-alliance/ dpa

München spielt die Vorreiterrolle: Strom soll - geht es nach dem Willen der Stadtherren - zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien kommen. Bis 2015 sollen alle privaten Haushalte aus Wind-, Sonne- und Wasserkraft oder Biomasse versorgt werden. Viele Städte folgen dem Trend.

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          Das große Windrad dreht sich seit Jahren an der Autobahn A9, am nördlichen Tor zur Stadt München. Die erzeugte Strommenge hält sich in Grenzen. Aber eben jenes Windrad auf einer ehemaligen Mülldeponie - direkt gegenüber der Allianz-Arena - erhebt sich nun zum neuen Symbol für die bayerische Landeshauptstadt. Sie will zu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen. Bis 2015 sollen alle privaten Haushalte aus Wind-, Sonne- und Wasserkraft oder Biomasse versorgt werden; zehn Jahre später auch die Unternehmen als größte Abnehmergruppe. Der Ökostrom soll sämtlichst aus eigenen Anlagen kommen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          „Damit wäre München die erste deutsche Großstadt, die diese Ziele auf dem Gebiet der Energiegewinnung und des Klimaschutzes erfüllt“, sagt Dieter Reiter, Wirtschaftsreferent der Stadt. Die Vorreiterrolle werden die Stadtwerke München (SWM), die vollständig im Besitz der Landeshauptstadt sind, behalten. Sie wurde angestoßen durch die rot-grüne Stadtregierung unter Bürgermeister Christian Ude (SPD).

          An der Spitze einer neuen Bewegung

          Das Timing der Nachricht ist wegen der Wahlen in zwei Wochen perfekt. Doch die Ankündigung geht weit über Effekthascherei und Wahlkampftaktik hinaus. Denn sie entspricht einem Trend. Viele Städte und Kommunen denken über eine eigene Stromerzeugung nach, und zwar aus klimaschonender Produktion - also ohne Ausstoß von Kohlendioxid. Die Landeshauptstadt hat sich mit ihrer Zukunftsaufgabe an die Spitze einer neuen Bewegung gesetzt.

          Zahlreiche Städte denken konkret über Ökostrom-Projekte mit Erzeugung in eigenen Windkraft-, Photovoltaik-, Biomasse-, Biogasanlagen oder Wasserkraftwerken nach. Hamburg plant, mit den gerade gegründeten eigenen Stadtwerken Hamburg Energie Erzeugungsanlagen vom nächsten Jahr an zu errichten. Ziel ist zwar bislang der Bau von Ökokraftwerken. Doch die norddeutsche Metropole wird ein 100-Prozent-Ziel kaum umsetzen können und womöglich auch Gaskraftwerke bauen müssen. Als Händler offeriert Hamburg Energie aber heute schon den Kunden Strom, der nicht aus Kohle oder aus Atomkraft stammt. Der CO2-Ausstoß soll aber bis 2020 um 40 Prozent vermindert werden.

          „Klimaschutz wird in vielen Städten groß geschrieben“

          Düsseldorf, Kassel, Augsburg, Freiburg wollen die gleiche Richtung einschlagen und versuchen, autark und ökologisch zu werden. „Klimaschutz wird in vielen Städten groß geschrieben“, sagt Stephan Articus, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. „Erneuerbare Energien sind dabei ein wesentliches Element.“ In Sachen Ökostrom werde sich da viel bewegen. „Da erneuerbare Energien meist durch dezentrale Anlagen erzeugt werden, sind die Stadtwerke dafür vielfach der geborene Partner“, sagt Articus.

          Die städtische Öko-Bewegung erhält dank der Liberalisierung im Strommarkt immer mehr Auftrieb. Um unabhängiger von den großen Energieversorgern Eon, RWE, Vattenfall und ENBW zu werden, streben Kommunen zunehmend die Stromversorgung über eigene Kraftwerke an. Dezentrale Produktion wird das große Thema der nächsten Jahre werden. Dass dies klimafreundlich geschehen soll, versteht sich für kommunale Politiker wie für die Einwohner fast von selbst. Schließlich macht das Klimaschutzziel Druck: Wer Strom erzeugt, muss dies in Deutschland von 2020 an zu mindestens 30 Prozent aus erneuerbaren Energien tun.

          Jährlich wollen die Stadtwerke 500 Millionen Euro investieren

          „Es werden viele Kommunen dem Beispiel von München folgen“, sagt Thomas Prudlo, Geschäftsführer der Green City Energy GmbH aus München, einem Projektierer, Errichter und Dienstleister in regenerativen Energien. „Das Ziel der Energieautarkie steht bei den Gemeinden weit oben auf der Agenda.“ Die gehe zwangsläufig mit der Ökologisierung einher, da die Energieversorgung regional nur über Sonne, Wind, Wasser oder Biomasse erfolgen könne. Green City berät unter anderem die Städte Ansbach, Garching, Kehlheim und Vilsbiburg über autarke Öko-Energiekonzepte.

          Und Green City baut zusammen mit den Stadtwerke München das Prater-Wasserkraftwerk an der Isar mitten in München. Es wird im Frühjahr 2010 in Betrieb gehen, 10 bis 12 Millionen Kilowattstunden Ökostrom im Jahr produzieren und 4000 Haushalte versorgen. Das Prater-Kraftwerk ist Teil der neuen Strategie. Die Tatsache, dass München - im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen - ihre Stadtwerke behalten hat, hilft bei der Umsetzung. SWM ist an einem Offshore-Windpark in der Nordsee beteiligt und errichtet in Andalusien mit RWE eine solarthermisches Kraftwerk.

          Jährlich wollen die Stadtwerke 500 Millionen Euro investieren. Bis 2015 sollen alle 750.000 privaten Haushalte und bis 2025 alle Unternehmen mit Ökostrom versorgt sein. Privat wird jährlich ein Drittel der erzeugten 7,5 Milliarden Kilowattstunden genutzt. Das Investitionsvolumen summiert sich über die 16 Jahre auf 9 Milliarden Euro. Die Hälfte davon wollen die Stadtwerke aus eigener Kraft, die andere Hälfte mit Krediten finanzieren. Die SWM kann sich das angesichts ihrer Finanzkraft leisten. Sie verdient einen großen Teil ihrer Gewinne aus den Beteiligungen an Kernkraftwerken.

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