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Klimaschutz : Britische Regierung fordert Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes

  • Aktualisiert am

„Das Wichtigste, was ich in meiner Amtszeit zur Zukunft gelesen habe” Bild: AP

Ein alarmierender Umweltbericht hat die Briten aufgeschreckt. Volkswirte schätzen darin die Kosten des Klimawandels ebenso hoch ein, wie die der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise zusammen.

          Die britische Regierung hat die Vorlage eines alarmierenden Berichtes über die Folgen der globalen Erderwärmung dazu genutzt, auf größere Anstrengungen zum Klimaschutz in aller Welt zu drängen. Schatzkanzler Gordon Brown hat zudem den ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore, der jüngst mit dem Film „An Inconvenient Truth“ zum Klimaschutz aufrief, als Berater in Klimafragen engagiert. Zudem erwägt die Regierung die Einführung von mehr „grünen“ Steuern zum Klimaschutz.

          Der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank, Nicholas Stern, hat einen im vergangenen Jahr vom britischen Finanzministerium in Auftrag gegebenen Umweltbericht zu den Folgen der Emission von Treibhausgasen vorgelegt. Premierminister Tony Blair, dessen Regierung sich derzeit gegenüber dem Oppositionsführer David Cameron als besonders umweltfreundlich zeigen möchte, sagte: „Dieser Bericht ist das Wichtigste, was ich in meiner Amtszeit zur Zukunft gelesen habe.“ Der Bericht betont, daß die Erderwärmung bis Ende dieses Jahrhunderts bis zu 5 Grad Celsius erreichen könnte mit katastrophalen Folgen für die Weltwirtschaft, starken Überflutungen und Vertreibung von bis zu 200 Millionen Menschen - meist in den ärmsten Staaten der Welt, vor allem Afrika.

          Amerika, Indien und China einbinden

          Der Bericht warnt zwar, daß die Folgen des Klimawandels den persönlichen Konsum der Menschen bis zum Jahr 2050 um 5 bis 20 Prozent einschränken könnten. Stern gibt aber auch Hoffnung und sagt, daß weltweit koordinierter Klimaschutz nur ein Prozent des jährlichen globalen Bruttosozialproduktes bis 2050 kosten würde und stärkere Investitionen in neue Techniken für Millionen Menschen neue Arbeitsplätze schaffen könnten.

          Blair betonte, daß Großbritannien zwar mehr für den Klimaschutz tun müsse. Aber die Emissionen der Treibhausgase in Großbritannien machten nur zwei Prozent des weltweiten Kohlendioxyd-Ausstoßes aus. Selbst wenn Großbritannien seine Emissionen komplett einstellte, würde dies durch den rasanten Anstieg der Emissionen Chinas in nur zwei Jahren kompensiert. Stern schlägt vor, ein globales System zum Emissionshandel vorzubereiten, in das vor allem auch die Vereinigten Staaten, Indien und China eingebunden werden sollten.

          Auf der Suche nach einem Kyoto-Ersatz

          Die britische Regierung drängte am Montag darauf, daß die Welt über ein Konzept nachdenken müsse, welches das im Jahr 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll ersetze. Nach ihm müssen die unterzeichnenden Staaten ihren Kohlendioxyd-Ausstoß reduzieren. Die Vereinigten Staaten - und einige andere Länder - haben das Protokoll nicht unterzeichnet.

          Blair und Brown forderten, die EU müsse im Klimaschutz vorangehen. Das Europäische System zum Handel der Emissionsrechte solle über das Jahr 2012 hinaus weiterbestehen. Der Handel solle auf alle Emissionen, also auch auf den Kohlendioxyd-Ausstoß der Flugzeuge, ausgedehnt werden. Zudem sollten Japan, Australien, Kalifornien und die Schweiz mit eingebunden werden. Gleichzeitig solle die Europäische Union ehrgeizigere Ziele bei der Reduktion de Treibhausgase setzen. Der Kohlendioxyd-Ausstoß der EU solle bis zum Jahr 2050 mindestens um 60 Prozent unter das Niveau von 1990 gesenkt werden. Als Zwischenschritt solle die EU die Emissionen bis 2020 um 30 Prozent drosseln.

          Diskussion über „grüne Steuern“

          In ihrem Ehrgeiz, dem Oppositionsführer Cameron das Wahlthema Umweltschutz streitig zu machen, erwähnte die Regierung nicht, daß die wichtigsten wissenschaftlichen Befunde des Stern-Berichtes bereits in ihrem eigenen Energiebericht von Januar 2006 enthalten sind und die von der britischen Regierung jetzt geforderten Anstrengungen zum Klimaschutz ohnehin geplant sind. In ihrem eigenen Energiebericht schrieb die britische Regierung im Januar, daß die EU-Länder bereits im März 2005 vereinbart haben, Pläne auszuarbeiten, den Kohlendioxyd-Ausstoß bis zum Jahr 2050 bis 80 Prozent zu reduzieren. Im Januar betonte die britische Regierung zudem, daß sie das selbst gesetzte Ziel, den Kohlendioxyd-Ausstoß bis 2010 um 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken, nicht erreichen werde.

          Unterdessen zeigte ein an die Öffentlichkeit geratenes Schreiben des britischen Umweltministers David Miliband an das britische Finanzministerium einen ganzen Strauß von zusätzlichen „grünen“ Steuern, mit denen die britische Regierung den Klimaschutz im Lande vorantreiben könnte: dazu zählen Straßengebühren, Mehrwertsteuer auf EU-Flüge, eine Verdreifachung der Abgaben für die Entsorgung auf Mülldeponien, extra Steuern auf Billigflüge und Benzinsteuern, die Preisnachlässe durch einen sinkenden Ölpreis auffangen würden.

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