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Klimakonferenz in Lima : Was kostet ein Gletscher?

Armensiedlung in Lima: Wasserlieferung per Tankwagen Bild: Andreas Mihm

An der peruanischen Küste fällt kaum Regen. Das ist seit Jahrhunderten so. Doch für Aktivisten steht außer Frage, dass die Erderwärmung die Wasserknappheit verschärft. Denn in den Anden schmelzen die Gletscher.

          Daniza Cruz lebt in einer Vorstadt in der Wüste nördlich von Lima. Ihr Haus steht schief, der Fußboden besteht aus bröseligem Beton, die Wände sind aus Holz gezimmert, das Dach aus Wellblech. Daniza, 40 Jahre alt, hat zwei Kinder, ein Handy, ein Fernsehgerät mit großem Flachbildschirm, ein Radio, eine Waschmaschine. Und sie hat ein großes Problem: „Das Wasser.“ Perus Regierung hat die Sandhügel von Callao, ein paar Kilometer nördlich der Stadtgrenze von Lima, vor 14 Jahren für Siedler freigegeben. Doch eine Infrastruktur gibt es nicht, sieht man ab von staubigen Straßen und dünnen Stromkabeln. Deshalb müssen sich die 160 000 Einwohner in Pachacutec um vieles selbst kümmern, vor allem aber um die Wasserversorgung.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Rot-blaue Tankwagen rumpeln die staubigen Straßen entlang. Wo Plastikgefäße stehen, wie an diesem Morgen am Haus von Maria, hält der Fahrer. Mit Schwung schießt das Wasser in bunte Plastikwannen und Fässer. Die pensionierte Lehrerin wird es anschließend, über die unfähigen Politiker und den Präsidenten schimpfend, mit einem Gartenschlauch in einen tieferliegenden Tank befördern. 12 Soles, umgerechnet etwa 4 Euro, hat sie die wöchentliche Wasserlieferung gekostet. Nur einen Bruchteil davon habe der Fahrer dafür an der Tankstelle der ein paar Hundert Meter entfernten öffentlichen Wasserversorgung bezahlt, sagt Rudolfo Alva vom Selbsthilfeprojekt „Alternativa“. Wasser sei ein gutes Geschäft.

          Wasserlieferant in Pachacute: Die Trinkwasserfahrzeuge sind auf staubigen Straßen unterwegs. Vor den Häusern stehen die Wassertanks der Bewohner.

          Daniza in ihrer Holzbehausung muss zwar 15 Soles für die gleiche Wassermenge zahlen, denn sie wohnt ein paar Blocks weiter oben am Hang. Doch sie konnte sich mit einem Mikrokredit von Alternativa einen Tank vor die Haustüre stellen. Das ist ein Fortschritt, läuft sie doch nicht Gefahr, dass wie bei Maria zuerst streunende Hunde ihren Durst am Wasserbottich löschen. Noch besser hat es Hermelinda Poco: Bei ihr kommt das Wasser per unterirdischer Leitung aus großen Tanks bis in die Straße. Hier schließt sie einen Schlauch an und befüllt ihre Wassertanks auf dem Dach. Das spart den teuren Tankwagen und hilft Infektionen zu vermeiden. Aber auch sie kocht das Wasser vor dem Trinken ab und gibt Chlor zur Desinfektion zu; sicher ist sicher.

          Doch sicher ist die Wasserversorgung nicht. Wasser ist knapp in der dichtbesiedelten Wüstenregion an der peruanischen Pazifikküste. Nur 2 Prozent der Niederschläge, die an den Anden abregnen, flössen Richtung Küste, sagt Oswaldo Cáceres Loyola, Ingenieur von Alternativa. Der Rest laufe ins Amazonasbecken nach Osten. Das geht seit Jahrhunderten so. Neu sei aber seit ein paar Jahren, dass die Regenzeit später einsetze und früher ende. Drei statt fünf Monate dauere sie nur noch, sagt Christof Wünsch, der die Arbeit von Brot für die Welt in Peru koordiniert und das Wasserprojekt von Alternativa unterstützt.

          Daniza Cruz in der Armensiedlung Pachacutec nördlich von Lima.

          Zugleich würden die Gletscher schmelzen. Die sind wichtig für die Wasserversorgung der 9 Millionen Einwohner in der Region Lima. Einer der beiden Flüsse, aus dem das Wasser gewonnen wird, speise sich mit aus einem Gletscher, der seit 1997 rund ein Viertel seines Volumens verloren habe. Es sei absehbar, dass es immer weniger Wasser geben werde.

          Heftigere Regengüsse in kürzerer Regenzeit und schmelzendes Gletscherwasser führten dazu, dass die Rückhaltebecken derzeit viel Wasser nicht sichern könnten, sagt Wünsch. Künftig könnten sie in weiten Teilen des Jahres trocken fallen. Parallel dazu nähmen die Verteilungskonflikte zwischen dem wasserdurstigen Küstenstreifen und den Regionen im Hochland zu, wo die Landwirtschaft Wasser benötigte. An dem Punkt treffen sich kirchliche Entwicklungshilfe und die Klimapolitik, die dieser Tage in Lima verhandelt wird. Denn dass auch die Erderwärmung einen wesentlichen Anteil an der sich in Peru verschärfenden Wasserversorgung hat, steht für die Aktivisten außer Frage. Sie fragen deshalb, woher Hilfe kommen soll. Verhindern lasse sich das Problem nicht mehr, auch Anpassung an den Wandel sei schlechterdings nicht mehr möglich, wenn der Gletscher geschmolzen und die Regenzeit verkürzt sei. Verhinderung und Anpassung sind aber die beiden wichtigsten Instrumente, über die die Klimakonferenz nachdenkt und verhandelt.

          Vor allem die Inselstaaten haben deshalb auf der Klimakonferenz im vorigen Jahr in Warschau durchgesetzt, dass auch über die Begleichung von „Verlusten und Schäden“ gesprochen wird, jener Schäden, die bereits eingetreten sind. Sabine Minninger ist bei Brot für die Welt Fachfrau für das Thema. Sie kennt sich aus mit Südseeinseln, die evakuiert werden, mit versalzenen Böden in Bangladesch, wo wenig Pflanzen wachsen und das Trinkwasser ungenießbar geworden ist. Minninger sagt: „Dafür muss es einen Fonds und Geld geben.“

          Die meisten Industriestaaten, auch Schwellenländer, halten davon wenig. Sie wollen nicht noch mehr Fonds für spezielle Klimaprojekte auflegen. Die Inselstaaten dagegen fürchten, am Ende leer auszugehen. Sie drohen damit, ihre Stimme dem großen „Paris-Vertrag“ für ein weltweites Klimaabkommen zu verweigern, sollte der Posten „Verluste und Schäden“ schon in den vorbereitenden Beschlüssen in Lima nicht berücksichtigt werden.

          Die Bundesregierung ist dagegen. „Wir wollen das nicht als expliziten Punkt im Vertrag haben“, sagte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Dienstag, bevor sie in das offizielle Ministerprogramm der Lima-Konferenz einstieg. Denn wenn man für Verluste und Schäden zahle, akzeptiere man auch, dass der Klimawandel unabwendbar sei. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) wären marktwirtschaftliche Versicherungslösungen lieber. Die Bundesregierung wolle sich damit im nächsten Jahr einmal näher befassen, sagte er in Lima. Aber welcher Wirbelsturm wurde durch den Klimawandel ausgelöst? Was kostet ein Andengletscher? Wie versichert man ihn? Dass es auf die Details ankommen wird, weiß auch Minister Müller: „Nicht alles ist so eindeutig, wie es manchmal aussieht.“

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