https://www.faz.net/-gqe-7hqfd

Klimaforscher Hans von Storch : „Hinterm Deich würde ich kein Haus bauen“

  • Aktualisiert am

Hans von Storch beobachtet das Klima und die Nord- und Ostsee Bild: Bode, Henning

Der Forscher Hans von Storch gilt als „Klima-Realist“. Im Interview spricht er über die seltsame Pause bei der Klimaerwärmung, lukrative Horrorszenarien und komische Prediger.

          Herr von Storch, seit 15 Jahren steigen die globalen Temperaturen nicht mehr nennenswert. Wie passt das zur allseits propagierten Klimaerwärmung?

          Das passt schon. Die Klimaerwärmung kann eine Pause einlegen, um sich später wiedereinzustellen.

          Aber Entschuldigung. Bisher hieß es doch, wir marschieren ungebremst in die Klimakatastrophe.

          In der Tat haben unsere Klimamodelle die letzten 15 Jahre nicht richtig abgebildet. Solche langen Pausen treten in den Szenarien mit Modellen, die nur auf veränderte Treibhausgase reagieren, sehr selten auf.

          Wird der Weltklimarat in seinem neuen Bericht in der kommenden Woche kleinere Brötchen backen?

          Ich kenne den Bericht bisher nicht und muss mich daher auf Presseberichte und Hörensagen verlassen. Demnach sind große Überraschungen in dem anstehenden Bericht nicht zu erwarten.

          Könnte es trotzdem sein, dass die globale Erwärmung zu ihrem Ende gekommen ist?

          Ich persönlich erwarte das ganz und gar nicht. Aber als Wissenschaftler habe ich gelernt, dass sich auch gut gestützte Aussagen als falsch erweisen können. Ein guter Forscher hat immer einen Restzweifel. Fest steht auf jeden Fall: Wir Klimaforscher haben unsere Schularbeiten noch lange nicht vollendet.

          Und die Klimamodelle taugen nichts?

          Doch, wir müssen sie allerdings mit den richtigen Antrieben versorgen. Wir unterstellen in den Modellen eine hohe Sensitivität des Klimas auf Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid. Im Licht der Erkenntnisse der vergangenen 15 Jahre müssen wir feststellen: Vielleicht ist die Sensitivität gegenüber den Treibhausgasen weniger groß als angenommen. Gut möglich auch, dass wir zudem die natürlichen Schwankungen des Klimas unterschätzen.

          Hand aufs Herz: Steht der Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und der Klimaerwärmung in Frage?

          Für mich nicht! Unsere Modelle beschreiben die Temperaturentwicklung allerdings nicht gut - wenn wir sie nur nach der Reaktion auf sich stetig vermehrte Treibhausgase fragen. Das ist beunruhigend.

          Was sind denn die wahrscheinlichen Fehlerquellen in den Modellen?

          Wie gesagt, es kann sein, dass die natürlichen Klimaschwankungen - die mancher als „Verrücktspielen“ wahrnimmt - zu schwach dargestellt werden in den Modellen. Dazu gehört das El Niño-Phänomen. Wir berücksichtigen womöglich den Transport von Wärme in tiefere Schichten der Ozeane nicht genug. Dann ist da die Sonne, deren Wirkungen wir womöglich noch nicht ausreichend verstanden haben. Schließlich könnte es noch Faktoren geben, die wir nicht kennen.

          Das ist ja eine Menge an Ungewissheit.

          Ja, mein Instinkt sagt mir allerdings, dass wir gar nicht so viele Änderungen an den Modellrechnungen vornehmen müssen. Meine private Vermutung: Wir können die Rolle der Sonne etwas verstärken und gleichzeitig den Einfluss der Treibhausgase etwas zurücknehmen. Und schon liegen wir wieder ziemlich richtig. Aber wir sollten über die Neujustierung in Ruhe nachdenken. Weder müssen wir die Modelle in die Tonne kloppen, noch sollten wir so tun, als ob wir keine Erkenntnisprobleme hätten.

          Der Weltklimarat hat bisher suggeriert, dass es einen linearen Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und Klimaerwärmung gibt, weshalb wir zwangsläufig auf eine Katastrophe zusteuern.

          Das hat der Weltklimarat so nicht gesagt. Trotzdem glaube ich gerne, dass die Öffentlichkeit diesen Eindruck gewonnen hat. Das verdanken wir schlampig argumentierenden Wissenschaftlern und der elendigen Politisierung der Klimaforschung.

          Können Sie das konkretisieren?

          In der Klimadebatte haben wir zwei politische Lager, die sich der Forschungsergebnisse bemächtigen. Die einen behaupten, die ganze Klimaforschung basiere auf Lug und Trug, die anderen beharren stur auf ihren Szenarien und tun so, als ob es nichts zu relativieren gäbe.

          Hat die Klimaforschung Mindermeinungen unterdrückt, damit ja keine Zweifel an der herrschenden Klimatheorie aufkommen?

          Nicht aktiv. Aber die gesamte Atmosphäre ist in manchen Instituten schon so, dass sich gerade junge, unabgesicherte Forscher zweimal überlegen, ob sie sich mit kritischen Überlegungen zu Wort melden. Noch schlimmer ist das Bundesumweltamt, das qua Amt unleugbare Wahrheiten vorgeben will, mit einer Leitung, die meint, vor skeptischen Journalisten warnen zu müssen.

          Weitere Themen

          Urteil zum Töten von Küken Video-Seite öffnen

          Vorerst erlaubt : Urteil zum Töten von Küken

          Das massenhafte Töten männlicher Küken in der deutschen Geflügelwirtschaft geht vorerst weiter. Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden, dass die Praxis rechtmäßig bleibt, bis es Alternativen gibt.

          Topmeldungen

          Grünen-Chef Robert Habeck

          Kanzlerfrage : Habeck hängt Kramp-Karrenbauer ab

          Der Grünen-Chef würde bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers laut einer Umfrage doppelt so viele Stimmen erhalten wie seine Amtskollegin bei der CDU. Mit Friedrich Merz als Kandidat sähe die Lage anders aus.
          Indiens Regierungschef Narendra Modi und der amerikanische Präsident Donald Trump

          Handelsstreit mit Amerika : Indien erhebt Vergeltungszölle

          In Asien bekommt Donald Trump einen weiteren Gegner im Handelskonflikt. Erst strich der amerikanische Präsident Indien Sondervergünstigungen. Nun wehrt sich die Regierung in Neu Delhi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.