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Klimaforscher Hans von Storch : „Hinterm Deich würde ich kein Haus bauen“

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Ihr eigener Aufsatz, in der sie die Unvollkommenheit der Klimamodelle darstellen, wurde von der Zeitschrift „Nature“ abgelehnt.

Ja. Aber da muss man keine Verschwörung vermuten. Ein Artikel mit ähnlichem Tenor ist veröffentlicht worden. Das ist auch Glückssache, ob man durchkommt oder nicht.

Was stimmt denn jetzt noch? Sind zum Beispiel Überschwemmungen Folge der Klimaerwärmung?

Ich würde sagen: nein. Es gibt andere Leute, die sagen: ja. Vor allem die Münchener Rückversicherung spielt eine große Rolle bei der Verbreitung der Behauptung, Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen oder Hurricanes hätten aufgrund des Klimawandels stark zugenommen. Die Evidenz dafür ist aber äußerst dünn. Bei binnenländischen Überschwemmungen ist der Faktor Klima vermutlich vernachlässigbar. Allerdings sind Katastrophen-Behauptungen für das Geschäft der Versicherung äußerst nützlich.

Aber Klimaforscher und NGOs reden ja nicht anders.

Sie folgen einer politischen Agenda und sind vermutlich von edlen Motiven geleitet. Sie wollen, dass die Politik zur Vermeidung der Treibhausgase die höchste Priorität bekommt. Deshalb wählen sie eine Kommunikationsstrategie, die extreme Wetterereignisse wie Orkane, Starkregen oder regionale Dürren mit der Klimaerwärmung in Zusammenhang bringt und kritische Anmerkungen zu bagatellisieren trachtet. Die Quittung bekommen sie jetzt: Sie haben es schwer, die Stagnation der Erwärmung oder die bisher unauffällige Hurrikan-Saison zu erklären. Sie haben damit die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung aufs Spiel gesetzt. Das Überverkaufen muss endlich aufhören! Wir müssen nicht nur unser Wissen kommunizieren, sondern auch die Unsicherheit unseres Wissens.

Aber ohne Überverkaufen hätten die Länder womöglich Klimapolitik unterlassen.

Das kann sein, aber dieser Zugang ist nicht nachhaltig. Politiker entscheiden ja immer unter Unsicherheit. Die Wissenschaft kann Hinweise geben, was passiert, wenn wir dieses oder jenes tun. Sie kann keine Antwort auf die Frage geben: Was sollen wir tun?

Wir sollten aber etwas tun, um die Klimaerwärmung zu stoppen?

Ich antworte mit einem Beispiel. Unser Institut beschäftigt sich mit Küstenschutz und der Frage, wie hoch der Meeresspiegel wann steigen wird. Wir kommen zum Ergebnis, dass die bisher geplanten Maßnahmen für die deutsche Küste bis 2030 reichen.

Und dann?

Danach kann es einen deutlich höheren Anstieg des Meeresspiegels geben. Wir sollten deshalb mit genauem Forscherblick gucken, wie sich die Dinge entwickeln in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren. Ich würde nicht mehr direkt hinterm Deich bauen lassen. Bauingenieure entwickeln zudem neuartige Deiche, die überflutet werden können, ohne zu brechen. Und wir suchen die Öffentlichkeit, damit diese Optionen und Perspektiven bewerten kann. Es ist also eine Menge zu tun.

Wer Deiche erhöht, nimmt die Klimaerwärmung hin. Zurzeit will die Politik vor allem die Klimaerwärmung stoppen durch Limitierung der Treibhausgase.

Eine Politik, die Emissionen zu begrenzen trachtet, scheint mir aus vielen Gründen sinnvoll. Wir schonen unsere fossilen Ressourcen, wir beflügeln die technologische Modernisierung, und nicht zuletzt ist sie gut fürs Klima. Wir dürfen dabei aber nicht andere globale Probleme vernachlässigen. Der Vorgabe, wir müssen um jeden Preis das Zwei-Grad-Ziel erreichen, kann ich nicht folgen.

Es gibt Wichtigeres als den Klimawandel?

Für den Bürger Hans von Storch schon: die Armut, der Hunger in der Welt. Das bewegt mich persönlich mehr als der zweifellos gravierende Klimawandel.

Sozialwissenschaftler propagieren jetzt einen Lebensstil der Bescheidenheit, der auf Auto fahren oder Fleisch essen verzichtet. Ist das sinnvoll?

Diese Leute sind nicht Wissenschaftler, sondern Prediger, die dem Zeitgeist nach dem Munde reden. Sie stellen ihre persönlichen Werte in den Vordergrund, nicht ihr Wissen als Wissenschaftler. Die Behauptung, mit Fleischverzicht schütze man das Klima, ist einigermaßen substanzlos. Da werden rein symbolische Akte propagiert. Ich habe nichts dagegen, solange sich diese Prediger nicht auf die Klimawissenschaft berufen.

Hans von Storch: Der Küstenschützer

Der renommierte Klimaforscher Hans von Storch wurde im August 1949 in Wyk auf Föhr geboren. Er ist Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg. Seit dem Jahr 2001 leitet er das „Institut für Küstenforschung“ am Helmholtz-Zentrum Geesthacht - Zentrum für Material- und Küstenforschung in Geesthacht nahe Hamburg. Ein bedeutender Donaldist ist er außerdem. Er gilt als „Klima-Realist“. Gelegentlich gerät er mit dem bekannten Potsdamer Forscher Stefan Rahmstorf aneinander, dem er Alarmismus vorhält.

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