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Streik auf Streik : Die neue deutsche Streiklust

Die Streiks verlagern sich zunehmend in die dienstleistenden Branchen. Bild: dpa

Die Deutschen sind streikgebeutelt: Lokführer, Piloten, Post, Kitas und Metaller. Es wird immer häufiger, länger und intensiver gestreikt. Woran liegt das? Ein Erklärungsversuch.

          Erst die Piloten, dann die Lokführer, schließlich die Kindertagesstätten, nun die Metaller: Zumindest gefühlt streikt alle paar Wochen eine andere Berufsgruppe. Die Streikintensität scheint zu steigen. Der Alltag wird immer häufiger durch Streiks erschwert, oder kommt ganz zum Erliegen.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          So geschehen im Frühjahr und Sommer des vergangenen Jahres, als die verhältnismäßig kleine Gewerkschaft der Lokführer, die GdL, über mehrere Wochen lang den Bahnverkehr lahmlegte - nicht zuletzt zur Ferienzeit. Die Deutsche Bahn bezifferte den Schaden durch die Lokführer-Streiks auf rund 300 Millionen Euro.

          Die Millionen-Marke geknackt

          Wenige Wochen später folgte der Streik der Piloten-Gewerkschaft Cockpit bei der Lufthansa und legte die deutschen Flughäfen still. Und auch in den ersten Monaten des laufenden Jahres wird fleißig weiter gestreikt: Öffentlicher Dienst, Einzelhandel und Metaller vereinen zehntausende Arbeitnehmer in Tarifstreits.

          Ein Blick in die Zahlen belegt: Schon lange wurde nicht mehr so viel gestreikt. Für das vergangene Jahr weist die Bundesarbeitsagentur 1618 von Arbeitsniederlegungen betroffene Betriebe aus - seit dem Jahr 1992 (2458 betroffene Betriebe) ein neuer Höchststand. Und auch die ausgefallenen Arbeitstage erreichen ein neues Hoch: Während vor 23 Jahren rund 1,5 Millionen Arbeitstage ausfielen, konnte bis einschließlich 2014 die Millionengrenze nicht mehr geknackt werden. Erst 2015 fielen wieder 1,092 Millionen Arbeitstage aus.

          Sollten weiterhin so viele Arbeitstage gestreikt werden, würde Deutschland einen wichtigen Standortvorteil verlieren, fürchten Ökonomen. Noch taucht Deutschland in internationalen Streikstatistiken erst am unteren Ende auf. In anderen Ländern wird also viel mehr gestreikt.

          Der Tarifpolitik-Experte Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erklärt die Unterschiede zwischen Deutschland und Ländern wie Frankreich mit dem restriktivem Streikrecht. Während in Frankreich beispielsweise ein individuelles Streikrecht gilt, ist in Deutschland ein kollektives in Kraft. Auch die Rahmenregelungen unterscheiden sich: Franzosen dürfen politisch streiken, in Deutschland hingegen sind nur tarifpolitische Streiks erlaubt. „Exzesse im französischen Modell sind daher wahrscheinlicher“, sagt Lesch.

          Fragmentierte Arbeitskämpfe

          Weitere Gründe für die vermeintlich geringe Streikhäufigkeit und –intensität liegen in der deutschen Streikkultur selbst. Durch das Verbot, mit Streiks politischen Forderungen Nachdruck verleihen zu wollen, gibt es hierzulande keine Generalstreiks. Seit Juli 2015 gilt zudem ein neues Tarifeinheitsgesetz. Diesem zufolge gelten in einem Betrieb die Tarifbedingungen, die die Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern, ausgehandelt hat.

          In großen Betrieben mit vielen verschiedenen Tätigkeiten und Beschäftigungsverhältnissen ist das nicht immer leicht – wenn auch recht arbeitgeberfreundlich. Zumal viele Branchen ihre eigenen Gewerkschaften haben, die wiederum unterschiedliche Verhandlungsstrategien verfolgen. „Eine spezifisch deutsche Streikkultur gibt es daher nicht“, sagt Hagen Lesch vom IW Köln. „Es gibt je nach Gewerkschaft und Branche ganz viele verschiedene Streikkulturen.“

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