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Streik auf Streik : Die neue deutsche Streiklust

Auch das ist eine Beobachtung der vergangenen Jahre: Einerseits fusionierten zwar Gewerkschaften im öffentlichen Dienst wie die ÖTV und DAG zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die über zwei Millionen Mitglieder vertritt. Gleichzeitig gründeten jedoch immer mehr Berufsgruppen ihre eigenen Gewerkschaften. So spaltete sich die Vereinigung Cockpit, die die Piloten gewerkschaftlich vertritt, im Jahr 2000 von der DAG ab, die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) wurde sogar erst 2004 gegründet.

Das Gefühl, dass immer häufiger gestreikt wird, rührt auch von einem geänderten allgemeinen Streikverhalten her. Besonders Warnstreiks werden für die Gewerkschaftler zu einem immer beliebteren Druckmittel. Während sie früher nur bis zu zwei Stunden andauerten, ging Verdi schon 2008 dazu über, diese zu verlängern.

Ab vier Stunden zahlen viele Gewerkschaften Streikgeld an die Arbeitnehmer. Die Strategie hinter vermehrten Warnstreiks: Ihre Intensität wurde erhöht, um die Erzwingungsstreiks zu verkürzen und dort bares Geld zu sparen. Zudem geben mehrere Gewerkschaften offen zu, dass sich mit Warnstreiks mehr Mitglieder werben lassen.

Wie die Medien mitmischen

Die Presse trägt ihr Übriges zum Eindruck der ständig bestreikten deutschen Wirtschaft bei. Während Nachrichtensendungen und Tageszeitungen die Tarifverhandlungen der IG Metall im laufenden Jahr bislang eher sekundär behandeln, wurde Claus Weselsky, Gewerkschaftsführer der Lokführer, im vergangenen Jahr kurzerhand von mehreren Medien zum „meistgehassten Mann Deutschlands“ ausgerufen. Mit einer Berichterstattung, die teilweise weit in persönliche Bereiche des Gewerkschaftsführers hineinreichte wurde die ohnehin emotionalisierte Debatte um Bahn- und Pilotenstreiks weiter aufgeladen.

Dabei ist das laut dem Ökonom Hagen Lesch nichts Ungewöhnliches: Jeder Streik ist immer auch ein Kampf um die Öffentlichkeit. Dabei haben es kleine Gewerkschaften jedoch besonders schwer. Die Lokführer konnten sich anfangs durchaus der Solidarität der Deutschen sicher sein: Als Lokführer habe man schließlich eine große Verantwortung und gehöre entsprechend gut bezahlt, so die landläufige Meinung. Den Kampf um die Öffentlichkeit verlor die GdL dann jedoch - die Stimmung drehte sich. Es erschien plötzlich unverhältnismäßig, dass die wenigen Lokführer eine ganze Volkswirtschaft lahmlegten. Auch den Piloten gelang es nicht, die Notwendigkeit der Streiklänge klar zu machen.

Claus Weselsky wurde kurzerhand von den Medien zum „meistgehassten Mann Deutschlands“ gemacht.

Die Gewerkschaft Verdi bereitete ihren Arbeitskampf in diesem Frühjahr hingegen als soziale Kampagne vor. „Der Slogan, ob die Arbeit am Menschen weniger wert ist, als die Arbeit an einer Maschine, hat gezogen“, sagt Lesch. Dabei hat Verdi jedoch auch den Vorteil einer Branchengewerkschaft. Berufsgewerkschaften wie die GdL sind Branchengewerkschaften unterlegen, wird hier doch rasch von Gruppenegoismus gesprochen.

Auch wenn es die „eine deutsche Streikkultur“ nicht geben sollte: Bestimmte Tendenzen sind in den vergangenen Jahren durchaus zu beobachten und für weitreichende Auswirkungen nicht nur für die Betriebe und Arbeitgeber, sondern auch für den Einzelnen, der vom Tarifkonflikt erst einmal gar nicht betroffen ist.

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