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Streik auf Streik : Die neue deutsche Streiklust

So droht die Chemie-Industrie beispielsweise so gut wie nie mit Warnstreiks, während Metallindustrie, öffentlicher Dienst und Einzelhandel laut IW Köln als „materiell konfliktorientiert“ gelten und häufig in den Arbeitsausstand gehen oder Warnstreiks organisieren. Diese Unterschiede sind zum einen auf die Betriebsgegebenheiten zurückzuführen – auf dem Bau lässt es sich schwerer streiken. Zum anderen sind die Unterschiede aber auch historisch gewachsen. So unterlag die Chemie-Industrie 1971 in ihrem großen Tarifstreit für acht Prozent mehr Lohn und begründete daraufhin eine Art Sozialpartnerschaft mit den Arbeitgebern. „Man betont mehr die gemeinsamen Ziele und arbeitet weniger gegeneinander“, erklärt Hagen Lesch.

Das Gefühl der ständigen Betroffenheit bleibt

Doch woher kommt das Gefühl, dass der Einzelne die Auswirkungen von Streiks immer häufiger am eigenen Leib zu spüren bekommt? Die großen Streik-Rekorde stammen aus den siebziger und achtziger Jahren. Mit dem großen Chemie-Tarifstreik 1971 summierten sich die ausgefallen Arbeitstage auf 4,8 Millionen. Im Jahr 1984, als die Metaller für die 35-Stunden-Woche kämpften, wurden sogar 5,6 Millionen ausgefallene Arbeitstage gezählt. Im Vergleich zu diesen Zahlen wirken die knapp 1,1 Millionen ausgefallenen Arbeitstage im vergangenen Jahr gerade zu kleinlich. Dennoch gab es kaum jemanden, der von den Streiks bei Bahn, Post und Lufthansa nicht (zumindest gefühlt) beeinträchtigt gewesen wäre.

Diese empfundene Betroffenheit begründet Lesch damit, dass sich das Streikgeschehen vom produktiven in den dienstleistenden Sektor verlagert. „Es findet eine Tertiärisierung des Arbeitskampfs statt“, so Lesch. Arbeitskämpfe in so lebensnahen Bereichen erfährt der gewöhnliche Bürger als besonders störend. Wenn die Metall- oder Chemieindustrie streikt, werden die Auswirkungen – wenn überhaupt – nur verzögert sicht- und spürbar. Bestreikt hingegen die GdL die Bahn oder Piloten und Flugbegleiter die Flughäfen, ist die Kita ums Eck plötzlich geschlossen oder wichtige Post kommt erst mit großer Verzögerung an, dann wird der Streik greifbar.

Auch hier bestätigt ein Blick in die Statistik die These des Tarifpolitik-Experten. Die mit weitem Abstand intensivsten Streiks gab es 2015 im Einzelhandel (von Verdi vertreten), in der öffentlichen Verwaltung, in Erziehung und Unterricht, sowie im Gesundheitswesen. Erschwerend hinzu kam im vergangenen Jahr, dass sich die Arbeitskämpfe an den Flughäfen sehr fragmentiert gestalteten, da dort viele Berufsgruppen mit eigenen Gewerkschaften verhandeln. Das führte dazu, dass ein Flughafen fast durchgehend lahmgelegt werden konnte. „Wir sind auch dann betroffen, wenn nicht unsere eigenen Mitarbeiter, sondern zum Beispiel Fluglotsen oder das Sicherheitspersonal an den Flughäfen streiken“, bestätigt Lufthansa-Sprecher Helmut Tolksdorf.

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