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Kinderbetreuung : Kita ist auch kein Vergnügen

Was heißt hier spielen und toben? Familienergänzende Bildungseinrichtung nennt sich diese Beherbergung des städtischen Kindergartens in Dortmund-Aplerbeck. Bild: Edgar Schoepal

Spielen, malen, singen reicht nicht mehr. Längst ist die Krippe eine pädagogische Anstalt mit akademischem Lehrpersonal. Das hat seinen Preis.

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          Ende der siebziger Jahre war das Leben einer Dreijährigen in Fremdbetreuung noch übersichtlich. Die Mutter brachte sie in den Kindergarten und holte sie nach dem Mittagessen wieder ab. Seltener erst nach dem Mittagsschlaf. Zwischendrin war das Programm schön, aber simpel gestaltet: Morgenkreis, Spielplatz, Malen, hin und wieder mal ein Ausflug. Das hat sich gewaltig geändert. Jetzt herrscht Vielfalt, denn die Kinder bleiben nicht mehr bis halb eins, sondern häufig bis 17 Uhr. Da fordern Eltern schon ein wenig mehr Abwechslung.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Morgenkreis, Spielplatz, Malen gibt es noch immer, aber ansonsten noch allerhand mehr: Es wird musiziert und geturnt, eine erste Fremdsprache schon sanft und spielerisch in den Alltag eingeflochten. Ausflüge führen ins Museum oder in den Park und sind eingebettet in kleine Lerneinheiten über die Jahreszeiten oder die heimische Flora und Fauna.

          Auch die Inklusion behinderter Kinder gehört dazu, ebenso wie die professionelle Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Kurz: In den Kindertagesstätten ist das Personal „multiprofessionell“ unterwegs. Und das hat Konsequenzen.

          Mehr Akademiker, gleiche Lohneingruppierung

          Folgerichtig heißen Kindergärtnerinnen nicht mehr Kindergärtnerinnen, sondern Erzieher. In den Kindertagesstätten von heute ist nicht mehr die Betreuung das oberste Ziel, sondern Erziehung und Bildung. Das muss man wissen, wenn man den aktuellen Tarifkonflikt zwischen Verdi und den Kommunen verstehen will, der schon am Freitag fast 20.000 Erzieher in den Arbeitskampf geschickt hat. Von Montag an wird in ganz Deutschland unbefristet gestreikt. Es geht nicht nur um ein paar Prozente mehr Gehalt oder einige Stunden Arbeitszeit weniger. Es geht um nichts weniger als um eine höhere Eingruppierung der Kita-Erzieher – und damit um eine Neubewertung ihrer Leistung.

          Denn in den letzten zehn Jahren hat sich ein Wandel vollzogen, der sich langsam in den Geldbeuteln der Erzieher bemerkbar machen soll: In kaum einem Beruf ist die Qualifizierung so vorangeschritten wie in diesem. Schon die Ausbildung zum Erzieher setzt eine abgeschlossene Ausbildung als Kinderpfleger oder Sozialassistent voraus, insgesamt dauert dieser Doppelschlag mindestens vier Jahre. Seit rund zehn Jahren gibt es zudem einen akademischen Weg in die Kitas: Über Bachelor-Studiengänge, die nach drei Jahren geradewegs in das neugeschaffene Berufsfeld der „Kindheitspädagogen“ führen.

          Inzwischen gibt es 89 Bachelor- und 11 Master-Studiengänge für die Arbeit mit dem Kind. Solche Akademiker lassen sich nicht mehr mit einem Erziehergehalt abspeisen, das monatlich je nach Einsatzort, Berufserfahrung und Position meist irgendwo zwischen 2300 Euro und 3600 Euro brutto im Monat liegt.

          Den Wunsch nach einer besseren Bezahlung für diese gutausgebildeten Fachkräfte hegt die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) schon lange. Insofern trifft die Kommunen diese Forderung nicht überraschend, aber offensichtlich trotzdem unvorbereitet. Bisher haben sie dem nicht viel mehr entgegenzusetzen als den hilflosen Aufschrei „das können wir nicht bezahlen!“.

          Doch die Entwicklung ist unumkehrbar. Spätestens seit dem Pisa-Schock weiß die Öffentlichkeit um die gravierenden Wissenslücken deutscher Schüler. Als Grund für diese Misere wurden nicht nur die Schulen ausgemacht, sondern die Versäumnisse in der frühkindlichen Bildung, die nur wenige zuvor im Blickfeld hatten, schon gar nicht die Politik.

          Kinder lernen, wie Lernen funktioniert.

          Das ist nun anders. Erkenntnisse über diese sensible Phase gibt es zuhauf. Für den Koblenzer Hochschullehrer Ralf Haderlein, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung, ist klar: Schon im Alter zwischen 0 und 6 Jahren werden wichtige Grundsteine für die spätere Bildung und die Lebensbewältigung gelegt. „Kinder lernen, wie Lernen funktioniert.“ Dieses Potential gilt es zu schöpfen – und zwar nach Ansicht von Haderlein mit akademisch geschultem Personal.

          Der Bedarf dafür ist schon geschaffen: In jedem Bundesland gibt es Bildungspläne, die mal mehr, mal weniger gut umgesetzt sind. Danach müssen die Erzieher jedes Kind individuell analysieren und fördern. Es gilt, Bildungssituationen zu erkennen, wo das ungeübte Auge nur einen lästigen Wickelvorgang sieht. Doch auch beim intimen Moment des Windelwechselns kann die Sprachentwicklung gefördert werden, meint Bildungsforscher Haderlein. Zweimal im Jahr können Eltern Entwicklungsgespräche mit den Erziehern führen, es geht um Motorik, Sprache, gar um Grundverständnis in Mathematik und den Naturwissenschaften.

          Kindheitspädagogen: Vollbeschäftigung

          Die Gelegenheit für die Akademisierung eines ganzen Berufsstandes sind so günstig wie selten. Denn in den Kitas wird wegen des raschen Ausbaus für die Kinder unter drei Jahren händeringend Personal gesucht. „Kitas sind einer der dynamischsten Jobmotoren in Deutschland“, heißt es im „Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2014“. Inzwischen arbeiten mehr als 520000 pädagogische Fachkräfte in den Einrichtungen, noch nie wurden so viel Nachwuchskräfte ausgebildet wie heute.

          Zunächst wurde befürchtet, dass der hohe Bedarf zu einem dramatischen Einbruch in der Qualität der Betreuung führt. Diesen Effekt mag es kurzfristig geben. Langfristig ist aber das Gegenteil wahrscheinlich. Selten hat ein neu geschaffener Beruf so einfach in einem etablierten Feld Fuß gefasst wie der des Kindheitspädagogen, zeigen Analysen der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (Wiff). Vom Studium direkt in die Arbeitslosigkeit? Allenfalls ein Randphänomen.

          Ab Montag wird gestreikt: Wie arbeitet aber eigentlich in der Kita?

          Skepsis über all das wird allenfalls verhalten geäußert. Bisher haben die rund 3000 Absolventen auch eher Nischen besetzt. Und rund 90 Prozent der Kita-Leiter bevorzugen den Wiff-Analysen zufolge noch immer die klassische Erzieher-Ausbildung, schließlich habe die sich bewährt. Außerdem gibt es einen nicht zu unterschätzenden Schönheitsfehler: Mehr als die Hälfte der befragten Kindheitspädagogen nennt nicht die Kita als bevorzugten Einsatzort. Wegen der hohen Nachfrage landen sie allerdings meist doch da. Wie lange, weiß bisher keiner.

          Die GEW hat ein ehrgeiziges Ziel: „Die akademische Fachkraft soll die Regel sein“, fordert Bernhard Eibeck, Referent für Jugendhilfe. Die Gewerkschaft strebt längerfristig einen Akademisierungsgrad von 75 Prozent an. Sie träumt von einem ähnlichen Wandel, wie ihn der Beruf des Grundschullehrers vor vierzig Jahren durchgemacht hat, schließlich seien die Anforderungen ähnlich, findet Eibeck. Voraussetzung war damals nur die mittlere Reife und eine Fachschulausbildung. Heute werden Grundschullehrer ebenso an den Universitäten ausgebildet wie die Pädagogen der weiterführenden Schulen.

          Im Monat vierstelliger Betrag für die Betreuung

          Den Kommunen dürfte die Vorstellung ein Graus sein: Im Moment liegt der Akademisierungsgrad des Kita-Personals bei gerade einmal 5 Prozent, und schon jetzt stöhnen die Gemeinden unter der Last der Kosten. Natürlich nicht lautstark, denn wer möchte in diesen Zeiten schon mit dem Ruf nach weniger Qualifikation unangenehm auffallen? In dem Tarifkonflikt wird deshalb diese Frage von den Arbeitgebern sorgsam ausgespart, ebenso die Frage, ob nicht vielleicht auch die Eltern stärker zur Kasse gebeten werden und den Preis der Akademisierung selbst tragen sollten.

          Schon jetzt gleicht die Kita-Finanzierung einem unübersichtlichen Gestrüpp aus staatlicher Subvention und Gebühren, die von Kommune zu Kommune variieren. In Nordrhein-Westfalen etwa zahlen Eltern bis zu 460 Euro im Monat, in Rheinland-Pfalz dagegen nichts. Außerdem passt es in Deutschland schlicht nicht in den Zeitgeist, seine Bürger für Bildung zahlen zu lassen.

          Vor Jahren scheiterte der Versuch kläglich, die Studenten an den Kosten des teuren Hochschulstudiums zu beteiligen. In den Kindertagesstätten sind Gebühren zwar immerhin etabliert, aber sie spiegeln nicht ansatzweise die tatsächlichen Kosten wider, obwohl private Kindertagesstätten mit qualitativ hochwertigem, meist bilingualem Angebot gefragt sind. Die monatlichen Gebühren können in den privaten Luxuskrippen schnell einen vierstelligen Betrag erreichen.

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