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Kirgistan : Das arme Bergland

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Kirgistan wird derzeit durch den blutigen Konflikt im Süden des Landes erschüttert. Das Land gehört zu den ärmsten Staaten unter den ehemaligen Sowjetrepubliken. Geldtransfers nach Kirgistan von Familienmitgliedern, die im Ausland arbeiten, machen knapp ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes aus.

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          Der Internationale Währungsfonds (IWF) teilt die Länder des Kaukasus und Zentralasiens in zwei Gruppen ein: in solche, die Energie exportieren, und in solche, die auf die Einfuhr von Erdöl und Erdgas angewiesen sind. Kirgistan gehört zu den ressourcenarmen Ländern der Region, auch wenn die Produktion von Gold einen Anteil von rund 10 Prozent am offiziellen Bruttoinlandsprodukt (BIP) ausmachen soll. Die hohe Zahl ist eher Ausdruck einer wenig entwickelten und diversifizierten Wirtschaft. Zusammen mit dem Nachbarn Tadschikistan zählt Kirgistan zu den ärmsten Staaten unter den ehemaligen Sowjetrepubliken.

          Das zentralasiatische Land mit rund 5,4 Millionen Einwohnern wird derzeit durch den blutigen Konflikt im Süden des Landes erschüttert. Im April hatte es einen Staatsstreich gegen den sich immer autoritärer gebärdenden Präsidenten Kurmanbek Bakijew gegeben, der selbst in der "Tulpenrevolution" im Jahr 2005 an die Macht gekommen war. Zu alldem kommen die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise hinzu. Die wirtschaftlichen Folgen der unter anderem ethnisch motivierten Auseinandersetzungen zwischen den usbekischen und kirgisischen Volksgruppen in Kirgistans zweitgrößter Stadt Osch und in angrenzenden Gebieten sind derzeit schwer abzuschätzen.

          Unruhegebiete von der Landwirtschaft geprägt

          Die unmittelbaren Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung halten sich zunächst im Rahmen, weil der Süden Kirgistans wirtschaftlich wenig bedeutend ist; dort wird ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes erbracht. Schon im Nachgang zu den Unruhen im April war für das zweite Vierteljahr mit einer Stagnation gerechnet worden. Die Unruhegebiete werden von der Landwirtschaft geprägt, welche die Menschen noch vielfach zur Selbstversorgung betreiben. Die Erntesaison hat noch nicht begonnen. In ganz Kirgistan beträgt der Anteil der Landwirtschaft am BIP knapp 25 Prozent. In Mitleidenschaft gezogen wird sicherlich die Tourismusindustrie. Ein Beobachter in der Hauptstadt Bischkek berichtet, dass die Industrie und die Privatwirtschaft im Norden des Landes normal liefen. Eine offene Frage ist jedoch, wie das arme Bergland mit dem Strom ethnisch usbekischer Flüchtlinge umgeht. Dabei ist es auf Hilfe von außen angewiesen.

          Schon in der vergangenen Zeit wurde Kirgistan von internationalen Organisationen sowie auch von Russland durch Kreditgewährungen unterstützt. Der zentralasiatische Staat wurde besonders durch den Rückgang der Geldüberweisungen der kirgisischen Arbeitnehmer im Ausland und durch den Rückgang des Transithandels getroffen. Geldtransfers von Familienmitgliedern, die im Ausland arbeiten, nach Kirgistan machten im Jahr 2008 gut 22 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Es wird damit gerechnet, dass rund 600 000 Kirgisen ihr Glück vorwiegend in Russland und in Kasachstan versuchen. Mit dem Wirtschaftsrückgang in diesen Ländern verringerten sich auch die Transfers nach Kirgistan. Die Höhe dieser Geldtransfers ging im Vorjahr um rund 21 Prozent zurück.

          Ebenso traf es den Handel, der Kirgistan als Brücke zwischen China sowie Zentralasien und Russland verwendet. Erschwert wurde und wird die Situation durch Grenzschließungen, die durch die politisch instabile Lage hervorgerufen werden. Vor dem Regierungsumsturz im April sei die Wirtschaft robust gewachsen, sagt Rika Ishi, die Ökonomin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in Kirgistan. Der Aufschwung begründete sich vor allem in einem höheren Export von Gold. Die Wirtschaftspolitik und die Zentralbankpolitik werden meist als umsichtig bezeichnet. Zu einer Flucht der Bevölkerung aus der heimischen Währung ist es bisher nicht gekommen.

          Grundübel Korruption

          Der zentralasiatische Staat hatte seit Mitte der neunziger Jahren immer wieder marktwirtschaftliche und demokratische Reformen versucht. In einer Untersuchung der Weltbank, bei der die Leichtigkeit einer Unternehmensgründung bewertet wird, liegt Kirgistan auf Platz 41 von 183 untersuchten Ländern. Als einziges Land Zentralasiens ist Kirgistan Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. Bisher ist es aber nicht gelungen, die Armut zu überwinden. Laut Vereinten Nationen fiel der Anteil der armen Bevölkerung aber von 52 Prozent im Jahr 2000 auf 31,8 Prozent im Jahr 2008. Ein Grundübel ist die Korruption. Schätzungen zufolge beträgt die Größe der Schattenwirtschaft rund 40 Prozent des BIP. Derzeit sind Reformbestrebungen zur Vereinfachung des Steuersystems und zu einer Verringerung bürokratischer Prozesse für Unternehmen im Gange. Symbolfigur für die Korruption ist für viele Maxim Bakijew, der Sohn des früheren Präsidenten, der in der vergangenen Zeit seinen Einfluss auf die Wirtschaft ausgeweitet hatte. Die Verhaftung des jüngeren Bakijew in Großbritannien sorgte für einige Zufriedenheit in Kirgistan.

          Ein weiteres Problem der kirgisischen Wirtschaft ist die mangelhafte Stromversorgung. Hier könnte Russland helfen. Russland hatte im vergangenen Jahr mit Kirgistan ein Joint-Venture-Unternehmen vereinbart, das die Fertigstellung des zu Sowjetzeiten begonnenen Wasserkraftwerkes Kambarata 1 bewerkstelligen soll. Die Investitionssumme von 1,7 Milliarden Dollar wird mit einem günstigen Kredit aus Russland finanziert. Mit diesem Projekt könnte der Strombedarf des wasserreichen Landes im Winter gedeckt werden. Usbekistan und Kasachstan bekämpfen die vermehrte Nutzung der Wasserkraft, weil sie Wasser für ihre Landwirtschaft benötigen.

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