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Kirchenvermögen : Kölner Dom ist 1 Euro wert

Gebaut über Jahrhunderte, bekannt in der ganzen Welt: Doch aus der Sicht von Wirtschaftsprüfern hat der Kölner Dom nur einen geringen Wert. Bild: dpa

Die katholischen Bistümer versuchen, die Diskussion über ihr Vermögen mit einer Transparenzoffensive zu beenden. Das wird nicht gelingen: Die bisherigen Angaben sind unzureichend.

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          Der Streit um den kostspieligen Ausbau des Limburger Bischofssitzes ist um ein weiteres Kapitel reicher: Der Vatikan hat Tebartz-van Elst eine Auszeit außerhalb seiner Diözese verordnet. Verwunderlich ist das nicht: Von der Führungsspitze gewünscht ist eine „Kirche der Armen“ - und das nicht erst, seit Franziskus den Heiligen Stuhl übernahm. Schon sein Vorgänger, Papst Benedikt, erklärte: „Die von materiellen und politischen Lasten befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden.“

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Wie die Auszeit für den Limburger Bischof zeigt, hat Papst Franziskus die Gangart noch verschärft. Bei keiner Gelegenheit lässt er es sich nehmen, den „Tanz um das Goldene Kalb“ zu verteufeln. Der Weg Gottes sei „jener der Bescheidenheit. All die Reichtümer, die wir besitzen, hat er uns geschenkt, damit wir Gutes tun können.“ Der mindestens 31 Millionen Euro teure Ausbau des Limburger Bischofssitzes zählt offenbar nicht dazu.

          In Deutschland ist die Diskussion über das berufliche Schicksal des Limburger Kirchenmannes längst darüber hinausgekommen. Die Menschen hinterfragen das Vermögen der Kirche und den Beitrag der Steuerzahler zu seiner Mehrung. Öffentlich einsehbar und recht ordentlich dokumentiert sind die laufenden Einnahmen und Ausgaben der Bistümer. Der größte Posten entfällt stets auf die Kirchensteuer. Insgesamt erhielt die katholische Kirche im vergangenen Jahr 5,2 Milliarden Euro Kirchensteuer, die Protestanten nahmen 4,6 Milliarden Euro ein. Hinzu kommen für beide Kirchen 460 Millionen Euro sogenannte Staatsleistungen sowie diverse zweckgebundene Zahlungen.

          Rund die Hälfte der 27 deutschen Bistümer hat Zahlen zum Vermögen offengelegt

          Das eigentliche Vermögen eines Bischöflichen Stuhls war vor wenigen Tagen noch vertraulich. Angesichts der Debatte um vermeintliche oder tatsächliche Milliardenschätze versucht sich rund die Hälfte der 27 deutschen Bistümer derzeit an einer Transparenzoffensive. Sie haben die Vermögen ihrer Bischöflichen Stühle offengelegt. Im Einklang mit vielen anderen sagt etwa das Erzbistum Hamburg: „Der Erzbischof hat immer deutlich gemacht, dass Kirche für die Menschen da ist und mit den Finanzmitteln verantwortlich, bescheiden und transparent umgegangen werden müsse.“

          Erstaunlich bescheiden sind auch die Beträge, die genannt werden. Die Mehrheit gab an, dass in ihrem Bischöflichen Stuhl kein nennenswertes Vermögen oder höchstens ein paar Millionen lägen. Nur fünf Bistümer erklärten, über ein zweistelliges Millionenvermögen zu verfügen. Hamburg etwa meldete: „Die Gesamtrücklage des Erzbischöflichen Stuhls beträgt 35 Millionen Euro.“ Den höchsten Wert nannte Köln: 166,2 Millionen Euro. Sogleich ging ein erstauntes Raunen durch die interessierte Öffentlichkeit. Aber kaum jemand fragte, ob es realistisch ist, dass viele Jahrzehnte alte Diözesen über weniger Vermögen verfügen als ein größerer Mittelständler in der Industrie.

          Kirchenkritiker Frerk schätzt Vermögen der beiden Kirchen auf 430 Milliarden Euro

          Als „absolute Lachnummer“ bezeichnet Kirchenkritiker Carsten Frerk denn auch die veröffentlichten Werte. Der Berliner Politologe hat jahrelang die Finanzlage der deutschen Kirchen analysiert. Er ist der Einzige, der sich zutraut, das Vermögen der beiden großen Kirchen grob zu schätzen. 430 Milliarden Euro sollen es sein. „Mit 340 Milliarden Euro sind Sie im ganz sicheren Bereich“, behauptet er.

          Vertreter der Kirchen halten Frerks Schätzungen für unseriös. Sie sehen in ihm einen voreingenommenen Atheisten. Frerk hingegen ist sich sicher: „Beide Kirchen kommen auf jeweils mindestens 170 Milliarden Euro Vermögen. Die Katholiken haben etwas mehr Bargeld, die Protestanten dafür mehr Grundstücke.“

          Es gibt verschiedene Haushalte: Bischöflicher Stuhl, Bistum und Domkapitel

          Für die gewaltigen Unterschiede zwischen den Milliarden-Schätzungen Frerks und den veröffentlichten Millionen-Vermögen der Bistümer gibt es verschiedene Gründe. So sickert dieser Tage die Erkenntnis durch, dass viele Bistümer nicht nur einen öffentlichen Verwaltungs- und den bis dato vertraulichen Vermögenshaushalt „Bischöflicher Stuhl“ führen. Vielmehr gibt es in vielen Diözesen zwei weitere große Kassen: den Vermögenshaushalt des Bistums und den Vermögenshaushalt des Domkapitels. Auf Nachfrage gibt das Erzbistum Hamburg zu, dass die bekanntgegebenen 35 Millionen Euro des Erzbischöflichen Stuhls nur einen Teil des Gesamtvermögens ausmachten. So gebe es noch Rücklagen der Körperschaft Erzdiözese Hamburg von 156 Millionen Euro und Rücklagen des Erzbischöflichen Amts Schwerin von 5,5 Millionen Euro. Macht zusammen knapp 200 Millionen Euro. Auch das ist nach Aussage eines Sprechers allerdings „nicht die endgültige Zahl“.

          Ein weiterer Grund für die vermeintlich geringen Kirchenvermögen liegt in der Bilanzierungsmethode. Die Diözesen gehen nach Handelsgesetzbuch vor, nicht nach der internationalen Rechnungslegung IFRS. Das hat den Vorteil, dass beträchtliche Vermögensteile nicht mit ihrem Verkehrswert ausgewiesen werden und die Summen in den Büchern oft nur Bruchteile der tatsächlichen Werte wiedergeben. Schenkungen und Erbschaften etwa können mit dem Anschaffungspreis (null oder ein Euro) eingespeist werden. Immobilien werden über die Jahre abgeschrieben, bis sie buchhalterisch nichts mehr wert sind. Auch größere Beteiligungen dürfen mit mickrigen Werten eingestellt werden.

          Ein Beispiel dafür liefert das Erzbistum Köln, das nach eigenen Angaben eine Beteiligung im Wert von 15,4 Millionen Euro an der Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft hat. Die Summe entspricht dem Anteil am Stammkapital. Tatsächlich aber besitzt die Baugesellschaft Eingeweihten zufolge mindestens 10.000 Wohnungen. Setzt man jede Wohnung mit 100.000 Euro an, resultiert daraus ein Vermögen von einer Milliarde Euro. Statt der (buchhalterisch korrekt) angegebenen 15,4 Millionen Euro wäre der 41-Prozent-Anteil des Kölner Erzbischofs tatsächlich mehr als 400 Millionen Euro wert.

          „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel.“ - Matthäus 6, 19

           

          Selbst für Experten ist es schwierig, das Vermögen der Kirchen zu berechnen. Wie etwa soll man den Wert des Kölner Doms ermitteln? Theoretisch, erklärt ein Wirtschaftsprüfer eines renommierten Unternehmens, wären drei Methoden denkbar. Das Wiederherstellungskonzept etwa fragt, was es kosten würde, den Kölner Dom noch mal zu bauen. „Der Dom und seine Geschichte sind aber einzigartig“, so der Prüfer.

          Möglich wäre auch zu ermitteln, was in der jüngeren Vergangenheit für einen vergleichbaren Dom gezahlt wurde und das als Wert in die Bilanz einzutragen. „So einen Verkauf wird es aber nie geben.“

          Auch die dritte Möglichkeit, das Ertragswertverfahren, scheitere. Den Wert eines Supermarktes etwa könne man mit der 14-fachen Jahresmiete ansetzen. „Außer ein paar Münzen im Klingelbeutel wirft der Kölner Dom aber nichts ab; im Gegenteil: Der Erhalt ist irrsinnig teuer.“ Die Empfehlung des Prüfers: den Dom mit einem Euro einstellen, fertig.

          Die Kirchen sind zum gleichen Ergebnis gekommen. Der St. Marien-Dom in Hamburg etwa steht mit nur einem Euro in den Büchern. Mit dem gleichen Betrag werden sämtliche Kirchen in der Diözese Köln eingepreist. Der Kölner Dom ist noch nicht geschätzt, weil die Verwaltung ihr altes kameralistisches Zahlenwerk gerade erst auf eine moderne Buchführung umstellt. „Wenn das geschehen ist“, sagt Dompropst Norbert Feldhoff, „wird er vermutlich auch mit einem Euro bewertet.“

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