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Kinderarmut : Etwas mehr Kinder in Hartz IV

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Jahrelang lebten in Deutschland immer weniger Kinder von Hartz IV, weil ihre Eltern Arbeit fanden. Doch dieser Trend ist jetzt gestoppt. Andrea Nahles will erreichen, dass mehr Langzeitarbeitslose Stellen finden.

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          In Deutschland wächst die Zahl der Kinder, die auf Hartz IV angewiesen sind. Im Mai 2014 lebten gut 1,64 Millionen Kinder unter 15 Jahren in Hartz-IV-Haushalten, wir die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Samstag auf Anfrage mitteilte. 2013 waren es demnach 12.000 Kinder weniger gewesen, 2012 rund 19.000 weniger als im Mai. Zuvor war die Zahl der Kinder in Hartz IV jahrelang gesunken. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte ein Aktionsprogramm für betroffene Familien.

          Den BA-Zahlen zufolge waren im Mai dieses Jahres 15,7 Prozent aller Kinder unter 15 auf die sogenannte Grundsicherung angewiesen. 2012 hatte die Quote im Jahresdurchschnitt demnach 15,0 Prozent betragen, 2013 stieg sie auf 15,4 Prozent. In den Jahren vor 2012 hatte sowohl die absolute Zahl als auch die Quote zum Teil deutlich höher gelegen als jetzt. 2007 lebten laut BA rund 1,895 Millionen Kinder in Hartz-IV-Haushalten, das waren 16,8 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren. In den folgenden fünf Jahren gingen die Zahlen kontinuierlich zurück.

          Eine Untersuchung des DGB zeigt laut „Süddeutscher Zeitung“, dass viele Kinder nicht nur kurzzeitig auf Hartz IV angewiesen sind. Mehr als 1,2 Millionen Kinder unter 15 Jahren benötigten seit mindestens einem Jahr die staatliche Hilfe, 642.000 Kinder seien bereits seit vier Jahren oder länger darauf angewiesen, schrieb das Blatt unter Berufung auf die DGB-Studie. Das „Risiko einer dauerhaften, quasi vererbten Hilfsbedürftigkeit“ sei groß, heißt es demnach in der Untersuchung.

          Schon seit 2011 gibt es ein Bildungspaket für Kinder, deren Eltern langzeitarbeitslos sind und Hartz VI beziehen. Rund drei Viertel der berechtigten Kinder nutzen es bereits. Dem DGB reicht das nicht. Er fordert ein Aktionsprogramm. „Es passt nicht zusammen, über Fachkräftemangel zu diskutieren und zugleich zuzulassen, dass etwa 1,9 Millionen Kinder unter 18 Jahren im Hinterhof unserer Wohlstandsgesellschaft in Hartz-IV-Armut leben müssen“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

          Das Programm solle sich zunächst auf die 450.000 Eltern konzentrieren, die arbeitslos gemeldet sind, Kinder im Haushalt haben, Hartz IV nicht mit einem Zusatzjob aufstocken und an keiner Maßnahme eines Jobcenters teilnehmen. Solche Eltern müssten „eine neue berufliche Perspektive erhalten, auch um ihre Vorbildrolle gegenüber ihren Kindern zu stärken“, verlangte Buntenbach. Dem DGB schwebt dabei vor, mehr öffentlich geförderte Arbeitsplätze zu schaffen, „sofern eine Beschäftigung anders nicht möglich ist“. Das Programm müssten Jobcenter, Kommunen, der Bund, Wohlfahrtsverbände und Vereine gemeinsam tragen.

          Die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Diana Golze, verlangte ebenfalls, öffentliche Mittel „in Arbeit statt in Arbeitslosigkeit“ zu investieren. Kinderarmut bedeute für die Betroffenen „soziale Ausgrenzung, Bildungsungerechtigkeit und die Gefährdung gesunden Aufwachsens“, mahnte Golze in Berlin. Die Bundesregierung verschließe aber die Augen vor dem Problem. Diese „Vogel-Strauß-Politik auf dem Rücken der Kinder“ sei ein Skandal.

          Tatsächlich will Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) einem Zeitungsbericht zufolge von 2015 an stärker gegen Langzeitarbeitslosigkeit vorgehen. Unter anderem solle es in den Jobcentern mehr  Jobvermittler und Fallmanager geben, schreibt die Berliner Zeitung „B.Z.“ unter Berufung auf ein Konzept von Nahles. Außerdem sollten bundesweit bis zu 600 sogenannte Betriebsakquisiteure gezielt Unternehmen überzeugen, Langzeitarbeitslose einzustellen. Parallel solle mit einer Öffentlichkeitskampagne um mehr Jobs für Hartz-IV-Empfänger geworben werden. Im Bundestag wolle Nahles ihr Konzept am 5. November vorstellen.

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