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Kinder und Ausbildung : „Wir brauchen Bildungshäuser für die Dreijährigen"

  • Aktualisiert am

Merkels Frau für Forschung und Bildung: Annette Schavan Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Forschungsministerin Annette Schavan über die Misere an den Hauptschulen, überforderte Eltern und Deutsch als Fremdsprache.

          Forschungsministerin Annette Schavan über die Misere an den Hauptschulen, überforderte Eltern und Deutsch als Fremdsprache.

          Frau Schavan, Pisa-Schock und Rütli-Brandbrief haben die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Warum hat eigentlich niemand gemerkt, wie schlimm es um das Bildungssystem steht?

          Es haben uns lange Zeit die Instrumente gefehlt, Schule realistisch wahrzunehmen. Jeder Bildungspolitiker konnte in Deutschland alles behaupten, doch empirische Erhebungen haben gefehlt. Es hat einfach viel zu viele Illusionen gegeben.

          Und was haben die Kultusverwaltungen der Länder die ganze Zeit gemacht? Die Schulräte?

          Wir sollten nun auch nicht gleich wieder alle Schulen unter Verdacht stellen. Es gibt schließlich auch exzellente Schulen in Deutschland. Aber zugegeben, es gab zu lange eine Steuerung der Bildung in Deutschland, die glaubte, mit möglichst vielen Vorschriften gute Ergebnisse zu erreichen. Das hat erkennbar nicht funktioniert. Wir wissen heute, moderne Steuerung geht anders.

          Also weniger Vorschriften

          Die Alternative zur Regelungswut heißt: Wir müssen klare Standards setzen, die auch tatsächlich von allen Ländern eingehalten werden. Wir müssen sagen, welche Qualität an den Schulen notwendig ist. Und wir brauchen mehr Gestaltungsspielraum für die einzelnen Schulen vor Ort.

          Wenn Sie klare Standards fordern, ist es dann hilfreich, daß jedes der 16 Bundesländer seine eigene Schulpolitik macht?

          Schule ist das Herzstück der Landespolitik ...

          ... mit zum Teil katastrophalen Ergebnissen.

          Der Hinweis auf die Zuständigkeit der Länder ist natürlich noch keine Lösung des Problems. Alle, Bund und Länder, müssen jetzt mit klaren Zielvorstellungen und Zeitplänen Strategien entwickeln, wie wir das Bildungsniveau erhöhen und den Jugendlichen damit auch wieder eine Perspektive geben. Gespräche darüber, wer wofür zuständig ist, wird die Öffentlichkeit nicht länger akzeptieren. Es kann ja nicht sein, daß Berlins Bildungssenator, mein Kollege Böger, im Bundestag nur sagt, was er alles schon gemacht habe. Ja, wenn er das alles schon gemacht hat. Warum ist es in Berlin dann so, wie es ist?

          Welche Rolle kann die Bundesministerin für Bildung dabei spielen?

          Bei der beruflichen Bildung gibt der Bund die Impulse. In der schulischen Bildung muß der Bund für eine Bildungsforschung sorgen, die die Qualitätsentwicklung der Schulen unterstützt und auch Instrumente schafft, mit denen diese Ziele erreicht werden. Genau dies werden wir tun, und die Bildungsberichterstattung wird darüber künftig Rechenschaft geben.

          Jeder fünfte bis vierte Jugendliche ist nicht ausbildungsreif. Es fehlt an Deutschkenntnissen, an der Fähigkeit, einfache Sachverhalte zu verstehen. Das kann sich eine Gesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft begreift, nicht leisten.

          Alle Maßnahmen des Bundes, der Bundesagentur für Arbeit und der Länder müssen auf ihre Wirksamkeit untersucht werden.

          Mit Verlaub: Hat man das bislang nicht gemacht?

          Nein. Es hat nur immer mehr Maßnahmen gegeben. Es wird viel Geld investiert, und es gibt zuwenig Auskunft darüber, wie wirksam das ist. Das muß sich ändern, und das muß in den nächsten Monaten passieren. Ich werde bereits Anfang Mai mit dem Chef der Bundesagentur darüber sprechen.

          Wie wollen Sie diese dramatisch schlechten Zahlen wegbekommen?

          Diese Zahlen sind inakzeptabel. Deswegen darf darüber auch nicht mehr lange diskutiert werden. Wir müssen uns Ziele mit klaren Zeitperspektiven setzen. Wir können uns auf Dauer eine so hohe Quote schlecht ausgebildeter junger Menschen nicht leisten. Wir wissen, daß schon 2010 in den großen Städten der Anteil der bis zu Vierzigjährigen aus Migrantenfamilien nahezu die Mehrheit sein wird. Da kann man nicht weiter auf Verdacht hin Lebensläufe begleiten. Der größte Fehler dieser Gesellschaft ist, vieles zu ignorieren, was sich in unseren Städten abspielt. Das Desinteresse an dem, was in den Schulen stattfindet, ist zu groß. Ohne mehr Begeisterung dieser Gesellschaft für Bildung wird uns das nicht gelingen.

          Warum ist die Gesellschaft so bildungsfeindlich?

          Vermutlich ist das wie bei manchem anderen Thema auch: Je mehr darüber gesprochen wird, um so mehr wird die Rede zum Ersatz für eigene Anstrengung, Wir investieren in Deutschland soviel in Bildung wie nie zuvor. Aber es fehlt der Funke, es fehlt das Bewußtsein, daß diese Gesellschaft nur eine Chance hat, ihren Wohlstand zu bewahren, wenn sie sich stärker anstrengt und Integration als zentrale gesellschaftspolitische Aufgabe wahrnimmt.

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