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Kernenergie : Geschichte eines Realitätsverlusts

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Der Schritt zur Massenbewegung: Protest gegen das geplante Atomkraftwerk im südbadischen Whyl 1975 Bild: Babara Klemm

Ursprünglich euphorisch begrüßt, hat kaum ein Thema die Deutschen so gespalten wie die friedliche Nutzung der Kernkraft. Einst waren die Energieunternehmen skeptisch, die Sozialdemokraten begeistert. Lang ist´s her. Erinnerungen an eine erbitterte Kontroverse: Gastbeitrag des Historikers Arnulf Baring.

          Kaum ein anderes Thema hat uns so dauerhaft gespalten und derart erbitterte innenpolitische Kontroversen ausgelöst wie die friedliche Nutzung der Kernenergie. Keine andere Debatte spiegelt in ähnlichem Maße die gesellschaftliche und politische Entwicklung dieses Landes. Um die Geschichte der Bundesrepublik zu verstehen, lohnt es sich daher, den Verlauf der Auseinandersetzungen über die Kernenergie näher ins Auge zu fassen. Nicht immer waren die parteipolitischen Positionen so eindeutig festgezurrt wie heute. Ursprünglich wurde die friedliche Nutzung der Kernenergie weithin geradezu euphorisch begrüßt. Doch das hat sich gewandelt.

          Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung innerhalb der Sozialdemokratie. Die Diskussion der SPD trägt ebenso wie die Haltung der Grünen viele Züge einer deutschen Neigung zur Wirklichkeitsverweigerung. Realitätsleugnung ist uns in der deutschen Geschichte mehrfach zum Verhängnis geworden.

          Die Anfänge der deutschen Kernenergie-Debatte

          Blickt man zurück auf die Anfänge der Kernenergie-Debatte, stellt man fest, dass in den fünfziger und sechziger Jahren unter Politikern aller Parteien und Publizisten aller Richtungen Euphorie herrschte, ein wahrer Atomenthusiasmus. Diese Euphorie war Ausdruck einer allgemeinen Aufbruchsstimmung im Deutschland der Nachkriegszeit, zumindest in der Bundesrepublik. Wirtschaftswachstum und technologische Innovation waren damals Inbegriffe des gesellschaftlichen Fortschrittsdenkens. Dem entsprach die rückhaltlose Bejahung neuer Technologien, die eine gute, eine bessere Zukunft verhießen.

          1983 dauerten die Proteste am Oberrhein an: „Nein haben wir gesagt”

          Ausgelöst wurde die Atombegeisterung durch die berühmte "Atoms for Peace"- Rede des amerikanischen Präsidenten Eisenhower vor den Vereinten Nationen 1953. Diese Ausführungen weckten in der Weltöffentlichkeit die Hoffnung, nach dem nuklearen Schrecken von Hiroshima und Nagasaki werde die Kernenergie nunmehr für friedliche Zwecke eingesetzt.

          Wer heute auf die Anfänge zurückblickt, stellt überrascht fest, dass die segensreichen Wirkungen der Kernenergie damals besonders auch von der westdeutschen Linken gepriesen wurden. Die Atomeuphorie der SPD beispielsweise kannte in jenen Jahren keine Grenzen. Der "Atomplan", den die Sozialdemokraten auf ihrem Parteitag 1956 vorstellten, liest sich geradezu als pathetische Eloge auf die Kernenergie: "Die kontrollierte Kernspaltung und die auf diesem Weg zu gewinnende Kernenergie leiten den Beginn eines neuen Zeitalters für die Menschen ein. Die Hebung des Wohlstands, die von der neuen Energiequelle ausgehen kann, muss allen Menschen zugutekommen. In solchem Sinne entwickelt und verwendet, kann die Atomenergie entscheidend helfen, die Demokratie im Innern und den Frieden zwischen den Völkern zu festigen. Dann wird das Atomzeitalter das Zeitalter werden von Frieden und Freiheit für alle."

          Auffällig ist, dass gerade Hauptkritiker einer militärischen Nutzung der Atomenergie die eifrigsten Befürworter ihrer friedlichen Nutzung waren. Im berühmten Göttinger Manifest von 1957 verbinden die achtzehn unterzeichnenden Atomwissenschaftler nicht zufällig ihre Warnung vor einem Atomkrieg mit dem nachdrücklichen Plädoyer für die friedliche Nutzung der Kerntechnik.

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