https://www.faz.net/-gqe-137m6

Kernenergie : Geschichte eines Realitätsverlusts

  • -Aktualisiert am

Mit Verwunderung verfolge ich die derzeitige energiepolitische Diskussion in Deutschland. Fragen, die für die künftige Energieversorgung dieses Landes von zentraler Bedeutung sind, werden einfach ausgeblendet: Woher soll unser Strom nach einem Ausstieg aus der Kernenergie kommen? Wie stellen wir ohne die Kernenergie die Grundlast sicher? Ich lese, dass die erneuerbaren Energien aufgrund ihrer starken Erzeugungsschwankungen nicht in der Lage sind, rund um die Uhr verlässlich Strom zu liefern. Wie also gewährleisten wir in Zukunft eine sichere Stromversorgung?

Wie jedermann weiß, ist Deutschland in gefährlich hohem Maße abhängig von ausländischen Energieimporten - zum Beispiel von russischem Erdgas oder Öl aus Iran. Ich frage mich: Wird die energiepolitische Abhängigkeit im Falle eines Ausstiegs nicht noch weiter zunehmen? Wenn man sich die politische Entwicklung Russlands vor Augen hält, von Iran ganz zu schweigen, ist das eine bedrückende Aussicht.

Ich sehe, dass Deutschland sich ehrgeizige Klimaschutzziele gesetzt hat. Wie sollen wir diese Klimaschutzziele ohne die CO2-freie Kernenergie erreichen? Können wir uns wirklich leisten, auf die Kernenergie zu verzichten? Zum Glück bin ich nicht der Einzige in diesem Land, der solche Fragen stellt. Meine Bedenken werden auch von Fürsprechern der erneuerbaren Energien geteilt. Emanuel Heisenberg etwa, Enkel des berühmten Atomphysikers Werner Heisenberg und Geschäftsführer des Biogasturbinenherstellers "Greenvironment Energy Solutions", warnt davor, die erneuerbaren Energien durch den geplanten Ausstieg zu überfordern. Aus diesem Grund hält er die Kernenergie zumindest mittelfristig für unverzichtbar.

Was wir daher in Deutschland brauchen, ist ein neuer "Energierealismus". Eine Energiepolitik mit ideologischen Scheuklappen ist keine. Sie hilft uns nicht weiter. Gerade aus unserer Geschichte wissen wir: Wer Realitäten nicht rechtzeitig erkennt, riskiert Desaster. Noch können wir energiepolitisch umsteuern.

Zur heutigen deutschen Realitätsverweigerung gehört, dass wir uns international weitgehend isolieren. In den meisten europäischen Ländern und in der ganzen Welt hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken hinsichtlich der Kernenergie stattgefunden. Weltweit sind derzeit etwa 200 Kernkraftwerke in Planung oder Vorplanung. Es gehört zu unserem neuen Sonderweg, einem neuen deutschen Sendungsbewusstsein, dass wir diese Entwicklungen im Ausland nicht wahrnehmen wollen und stattdessen glauben, uns energiepolitisch gegen die ganze Welt stellen zu können. Großbritannien, Italien, Frankreich, Finnland, Polen, Tschechien, Ungarn - alle diese Länder haben in den letzten Jahren umfangreiche Neubauprogramme angekündigt. Schweden, das Modellland der deutschen Sozialdemokratie, hat seinerseits Anfang dieses Jahres den Ausstieg aus dem Ausstieg verkündet. Die deutschen Sozialdemokraten halten dagegen unbeirrbar am Ausstiegsfahrplan fest und lehnen eine Rückkehr zu vernünftigen Laufzeiten ab. Dass Deutschland sich mit diesem nationalen Sonderweg einmal mehr international isoliert, scheint sie nicht weiter zu beunruhigen. Mir macht das Sorgen.

Wenn ich allerdings die jüngste energiepolitische Debatte betrachte, sehe ich Anlass zu Hoffnung. Es tut sich etwas in Deutschland. Immer mehr Menschen sind bereit, offen und unvoreingenommen über Energiefragen der Zukunft zu diskutieren. Insbesondere die junge Generation, die nach Tschernobyl aufgewachsen ist, nähert sich dem Thema Kernenergie mit neuer Offenheit. Mit den Parolen und Protesten der Anti-Atom-Bewegung kann die junge Generation offenbar nicht mehr viel anfangen. Das bezeugen beispielsweise Diskussionen auf studentischen Online-Portalen. Selbst Politiker von SPD und Grünen räumen inzwischen hinter vorgehaltener Hand ein, dass sie die Festlegung auf den Ausstieg für einen Fehler halten. Lassen Sie mich daher die Hoffnung äußern, dass wir in Deutschland den Mut für einen unbefangenen neuen Energiedialog finden werden. Unserem Land würde es guttun.

Weitere Themen

Grüne auf der Main-Stage

FAZ.NET-Sprinter : Grüne auf der Main-Stage

Nach ihrem Wahlerfolg auf europäischer Bühne stimmen die Grünen Siegesgesänge an. Bei der SPD stellt sich nach dem nächsten Debakel die Frontfrau-Frage. Was heute sonst noch wichtig ist, steht im FAZ.NET-Sprinter.

60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

Topmeldungen

Sigmar Gabriel und die SPD : Gute Ratschläge von der Seitenlinie

Sigmar Gabriel plane angeblich schon das Ende seiner politischen Karriere, heißt es. Es gehört zum ambivalenten Verhältnis der SPD zu ihrem größten Talent, dass viele Genossen sich nicht sicher sind, ob das eine schlechte oder eine gute Nachricht ist. Eine Analyse.
Greta Thunberg in der vergangenen Woche in Schweden

Grüne in Schweden : Verloren trotz Greta Thunberg?

Anders als in Deutschland haben die Grünen bei der Europawahl ausgerechnet in Schweden, der Heimat Greta Thunbergs, schwächer abgeschnitten. Warum ist das so?
nnegret Kramp-Karrenbauer, Bundesvorsitzende der CDU, spricht bei einer Pressekonferenz am 13. Mai im Konrad-Adenauer-Haus.

Europawahl-Liveblog : AKK bestreitet Rechtsruck in der JU

Tories und Labour wollen sich zum Brexit positionieren +++ JU-Chef Kuban: „Schlag ins Gesicht“ +++ Gauland erklärt Grüne zum „Hauptgegner“ für die AfD +++ Alle Informationen im FAZ.NET-Liveblog:

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.