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Kernenergie : Geschichte eines Realitätsverlusts

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Demonstranten gelang es in der Folgezeit, die Absperrungen zu überwinden und den Bauplatz erneut zu besetzen, knapp neun Monate lang. In Wyhl richtete sich die Kritik noch nicht in erster Linie gegen die Kerntechnik als solche. Das Hauptmotiv war vielmehr die verständliche Sorge, dass die Nebelschwaden aus den Kühltürmen des Kernkraftwerks die Qualität der Kaiserstuhl-Weine beeinträchtigen könnten. Erst später wurde die Angst vor radioaktiven Gefahren der Kernenergie Mittelpunkt der Diskussion. Im Rückblick ist es verständlich, dass die Kernenergie aufgrund ihrer unsichtbaren Strahlung von der Öffentlichkeit als besonders unheimlich und gefährlich wahrgenommen wurde - und wird. Ebenso ist begreiflich, dass die offene Frage einer absolut sicheren Endlagerung nicht dazu angetan war, das Vertrauen der Menschen in die Kernenergie zu erhöhen - und das gilt bis zum heutigen Tag.

Zurück zu den Ereignissen in Wyhl: Die Reaktion der SPD auf die Bauplatzbesetzung zeigte eine gewisse Unsicherheit und Ratlosigkeit. Auf ihrem Mannheimer Parteitag 1975 stellte sie im Blick auf die Wyhler Vorgänge fest, dass "der verständliche Widerstand der jeweils betroffenen Bevölkerung gegen Kernkraftwerke ... zu einem politischen Faktum geworden" sei. Zugleich wurde damals die große Distanz der Sozialdemokraten zu den Kernkraftgegnern deutlich. So empfahl die Partei als Maßnahme gegen die öffentliche Verunsicherung, das "Gespräch mit diesen Bürgern (gemeint waren die Protestler) zu versachlichen", indem das "Pro und Kontra mit den Bürgern rechtzeitig ausgebreitet, diskutiert und gewertet" werde. Diese von den Sozialdemokraten 1975 geforderte sachliche Erörterung der Kernenergie-Thematik war jedoch einige Jahre später nicht mehr möglich.

Warum? Mitte der siebziger Jahre wurde das seit Jahrzehnten anhaltende Wirtschaftswachstum gebremst. Im Zuge der Wachstumskrise wurde nunmehr auch in Deutschland die bislang allgemein akzeptierte Annahme, Wachstum sei unerlässlich, sei selbstverständlich richtig und wichtig, einer grundlegenden Neubewertung unterzogen. Wenn Wirtschaftswachstum eine so riskante Technologie wie die Kerntechnik erfordere, so die Argumentation der Kritiker, müsse das Ziel selbst hinterfragt werden. Hierin lag der eigentliche Paradigmenwechsel: Die Kernkraft wurde von ihren Gegnern nicht mehr bloß als ein untaugliches Mittel zurückgewiesen, sondern galt nunmehr pars pro toto als Ausdruck einer fragwürdigen, ja irrationalen Wirtschaftsweise. Mit anderen Worten: Die Kernenergie wurde immer mehr zum Kristallisationspunkt eines tiefgreifenden gesamtgesellschaftlichen Wertewandels. Der Protest gegen die Kernenergie wurde Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. Bei Erhard Eppler, Wortführer der Atomkraftgegner innerhalb der SPD, hörte sich das so an: "Nicht die Gefahren der Kernenergie sind größer geworden, nicht die Reaktoren weniger sicher, geändert haben sich die Fragestellungen, die Wertmaßstäbe, kurz: das Bewusstsein."

Die Diskussion löste sich somit zunehmend von einer naturwissenschaftlich-sachlichen Erörterung von Chancen und Risiken der Kernenergie und verwandelte sich immer mehr in eine ideologisch geführte Debatte über das wünschenswerte Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell.

Flügelkämpfe innerhalb der SPD

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