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Kernenergie : Geschichte eines Realitätsverlusts

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Skepsis gegenüber der Kernenergie wurde in diesen frühen Jahren ausgerechnet von jenen geäußert, bei denen man es am wenigsten erwarten würde: von der Energiewirtschaft. Zu einer Zeit, in der die fossilen Energieträger im Übermaß zur Verfügung standen, beugten sich die Erzeugergesellschaften nur zögerlich dem politischen Druck, in die teure und komplexe neue Energietechnik zu investieren. Interessanterweise wurden die Risiken der Kernenergie gerade in Betreiberkreisen zu jener Zeit noch recht offenherzig diskutiert - etwa die gesundheitsschädlichen Wirkungen der radioaktiven Strahlungen oder das Problem der Entsorgung radioaktiver Abfälle.

Bis in die sechziger Jahre hinein fanden solche kritischen Stimmen jedoch keinen bedeutsamen öffentlichen Widerhall. Das allgemein akzeptierte Selbstverständnis einer Wachstums- und Wohlstandsgesellschaft sicherte der Kernkraft vorerst die ungebrochene Zustimmung der Öffentlichkeit. Wie kam es dazu, dass die gesellschaftliche Bejahung einer friedlichen Nutzung der Kernkraft innerhalb weniger Jahre kippte und die Kernkraft zum Gegenstand erbitterter innenpolitischer Auseinandersetzungen wurde?

Um diese Frage zu beantworten, muss man an die Anfänge der Anti-AKW-Bewegung erinnern und sich parallel dazu die Entwicklung innerhalb der deutschen Sozialdemokratie während der siebziger und achtziger Jahre vergegenwärtigen. Denn in dieser Zeit wurde der Keim gelegt für jene politische Realitätsverweigerung, die bis in unsere Tage fortwirkt.

Der Beginn der öffentlichen Proteste

Widerstände gegen die Kernenergie gab es erstmals Ende der sechziger Jahre im Zusammenhang mit dem geplanten Bau von Kraftwerken. Zum überregionalen Protest kam es erstmals bei den Auseinandersetzungen um das Kernkraftwerk Würgassen. Insgesamt blieb die öffentliche Wirkung der Proteste Anfang der siebziger Jahre jedoch eher begrenzt. Eine neue Dynamik erfuhr die Kernkraft-Debatte im Zuge der Ölkrise von 1973. Diese Krise war für die deutsche Öffentlichkeit insofern ein Schock, als sie der Bevölkerung in drastischer Weise unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen vor Augen führte. Nach den Studentenprotesten von 1968 bildete die Ölkrise eine weitere Zäsur, die den bisherigen Wohlstands- und Wachstumskonsens der Bundesrepublik brüchig werden ließ.

Die unmittelbare Folge der Ölkrise war jedoch zunächst eine verstärkte Hinwendung zur Kernenergie, erschien doch ihr Ausbau als eine geeignete Krisenstrategie, um die Erdölabhängigkeit der Bundesrepublik zu verringern. Nur wenige Wochen vor dem Ölpreisschock vom Oktober 1973 hatte die sozialliberale Bundesregierung ein Energieprogramm vorgelegt, das neben der Nutzung von Steinkohle, Braunkohle und Gas einen massiven Ausbau der Kernenergie vorsah.

Weil die SPD zu jener Zeit nach wie vor die friedliche Nutzung der Kernkraft uneingeschränkt bejahte, waren die Sozialdemokraten völlig überrascht, als Mitte der siebziger Jahre die Anti-Atomkraft-Proteste immer stärker wurden. Im Februar 1975 besetzten mehrere hundert Demonstranten den Bauplatz des geplanten - aber letztlich nie gebauten - Kernkraftwerks im badischen Wyhl inmitten des idyllischen Kaiserstuhl-Weinbaugebiets. Nach einer ersten Räumung durch die Polizei kam es zu einer Protestkundgebung, an der rund 28000 Menschen teilnahmen - der Schritt zur Massenbewegung war vollzogen.

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