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Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff : Deutschland kann nicht alle Probleme Europas lösen

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Fabrik von heute: Auch in der Produktion von BMW, hier ein Werk in Leipzig für den Elektrowagen i3, halten digitalisierte Konzepte Einzug. Bild: dpa

Deutschlands Sparsamkeit steht bei den anderen Europäern in der Kritik. Doch wenn Deutschland mehr Geld ausgibt, hilft das nicht. Die Überschuldung ist das Problem. Ein Gastbeitrag von Kenneth Rogoff.

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          Deutschland müsse eine stärkere Lokomotive für das europäische und globale Wirtschaftswachstum werden, lautet eine der häufigsten Forderungen von internationalen Kommentatoren. Mit einem Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sei die Exportquote zu hoch und die Sparquote zu gering – sehr zum Leidwesen seiner Nachbarn, lautet der allgemeine Tenor. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Arbeitskräfte sei zu hoch und die Staatsquote zu gering. Diese Thesen sind zwar nicht gänzlich von der Hand zu weisen, stark übertrieben sind sie jedoch allemal.

          Die deutsche Sparsamkeit ist in den vergangenen sechs Jahrzehnten immer wieder in makroökonomischen Debatten auf der ganzen Welt diskutiert worden. Während der Bretton-Woods-Ära fester Wechselkurse, als sich zahlreiche Länder, darunter auch Großbritannien, regelmäßig gezwungen sahen, ihre Wechselkurse gegenüber dem Dollar abzuwerten, musste Deutschland einige Male seinen Wechselkurs aufwerten. Ende der siebziger Jahre übten die amerikanischen Währungshüter hohen Druck auf Deutschland und Japan aus, als sie eine starke Erhöhung der Staatsausgaben forderten, um so die weltweite Nachfrage anzukurbeln.

          Skrupellose Schmutzkampagne

          Auch während der Krise des Europäischen Währungssystems 1992, als der erste Versuch einer Einheitswährung scheiterte, schienen einige Kommentatoren die deutsche Stabilitätspolitik für instabile Währungen anderer Länder verantwortlich zu machen. Und auch im vergangenen Jahr wiederholte das amerikanische Finanzministerium seine Kritik, Deutschland sei nicht gewillt, Europa und der Welt mit einem größeren Konjunkturpaket unter die Arme zu greifen.

          Demgegenüber ergaben Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds (IWF), dass ein großangelegtes deutsches Konjunkturprogramm nicht den gewünschten Nutzen für sämtliche Peripheriestaaten Europas nach sich ziehen würde. Von einem deutschen Konjunkturprogramm würden in erster Linie die Vereinigten Staaten, Asien und Mitteleuropa profitieren, da sich hier das Zentrum der deutschen Lieferkette befindet. Die Exporte der Peripherieländer nach Deutschland sind schlichtweg nicht hoch genug, um substantiell ins Gewicht zu fallen.

          Kenneth Rogoff, amerikanischer Professor an der Harvard-Universität und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds
          Kenneth Rogoff, amerikanischer Professor an der Harvard-Universität und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds : Bild: Wohlfahrt, Rainer

          Doch ungeachtet aller soliden Argumente des IWF halten die Ultra-Keynesianer an ihrer Überzeugung fest: Eine massive Erhöhung der deutschen Staatsausgaben wirke Wunder für die Peripheriestaaten, während sie gleichzeitig nur minimale Kosten für Deutschland verursache. Die Deutschen seien töricht, wenn sie sich um Staatsverschuldung, ungedeckte Rentenverbindlichkeiten und zukünftig zu erwartende, verdeckte Kosten von Bankenrettungen und Staatssanierungen sorgten. In Ermangelung von handfesten Argumenten lancierten die Ultra-Keynesianer eine skrupellose Schmutzkampagne gegen jegliche Befürworter eines langfristigen Ausstiegs aus der Schuldenspirale infolge der Finanzkrise. Schulden seien einfach kein Problem.

          Die massiven Übertreibungen der Ultra-Keynesianer (man betrachte nur einmal ihre unqualifizierten Prophezeiungen vom Untergang Großbritanniens, das Land erlebt gerade einen Aufschwung) bedeuten nicht etwa, dass die deutsche Politik immer die richtige war. Deutschland könnte selbstverständlich Strukturreformen einleiten, um die eigene Wirtschaft zu stärken und den Wettbewerb zu fördern. Wenn ein Land jedoch schon über einen soliden Arbeitsmarkt verfügt, fallen die Argumente für erhöhte Infrastrukturinvestitionen nicht so überzeugend aus wie etwa im Fall der Vereinigten Staaten. Angesichts der außergewöhnlich niedrigen Zinsen für deutsche Staatsanleihen erscheint das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Infrastrukturinvestitionen jedoch tatsächlich sehr attraktiv, zumal die von der Europäischen Kommission aufgezeigten Defizite in den Bereichen Stromerzeugung und Breitbandnetze nicht von der Hand zu weisen sind.

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