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Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff : Deutschland kann nicht alle Probleme Europas lösen

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Drastischer Schuldenschnitt als Lösung

Deutschland kann auch mehr für die Verbesserung seines Bildungssystems tun, beispielsweise durch die Stärkung des Wettbewerbs unter den Universitäten und durch höhere und breit angelegte Investitionen in Bildung und Erziehung. Auch private Investitionen in den Bereichen Dienstleistungen und Einzelhandel ließen sich durch größere Deregulierung fördern. Ironischerweise würden diese positiven Schritte die Klagen über die deutsche Sparpolitik nicht verstummen lassen – schließlich würden sie den deutschen Wettbewerbsvorsprung langfristig nur weiter ausbauen. Doch könnten sie als Gesamtmaßnahmenpaket möglicherweise den gegenwärtigen Leistungsbilanzüberschuss reduzieren.

Bedauerlicherweise würde jedoch selbst eine deutliche Erhöhung der deutschen Investitionen kaum den nach wie vor hochverschuldeten Peripheriestaaten zugutekommen. Wie in Dutzenden Studien nachgewiesen, ist die private, öffentliche und externe Überschuldung nach wie vor ein Hemmnis für Wachstum in der Peripherie und Investitionen in der Eurozone. Die Regierungen Europas haben zwar tatsächlich enorm von den deutlich niedrigeren Zinsen profitiert, die Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank mit seinen drastischen Maßnahmen durchsetzen konnte; doch kleine und mittlere Unternehmen haben nach wie vor enorme Schwierigkeiten, an Kredite zu gelangen.

Ich bin seit langem der Ansicht: Selbst, wenn es Nordeuropa gelänge, mithilfe einer energischen Sparpolitik die Peripheriestaaten zur vollen Rückzahlung ihrer Schulden zu verpflichten, wäre dies ein Fehler. Ein drastischer Schuldenschnitt, etwa durch die Verpflichtung privater Kreditgeber zu Laufzeitverlängerungen als zwingende Voraussetzung für offizielle Finanzhilfen, wäre der weitaus bessere Lösungsansatz. Mögen die Verluste der nordeuropäischen Länder durch verlorengegangene Rückzahlungen auch noch so hoch sein – langfristig würde eine gesundete, produktivere Eurozone diese Verluste wieder wettmachen.

Ein Schuldenerlass für die Peripherieländer wäre zweifellos ein wesentlich hilfreicherer Ansatz als ein kostspieliges Konjunkturpaket Deutschlands. Wer in fiskalpolitischen Maßnahmen die Lösung jeglicher Probleme sieht, möge nach Frankreich blicken – in ein Land, das zahlreiche Stärken aufweist, die jedoch durch einen immens aufgeblähten Regierungsapparat nicht zur Geltung kommen können. Würde Frankreich Strukturreformen wie in Deutschland vor einem Jahrzehnt oder Schweden vor zwei Jahrzehnten einleiten, hätte die Eurozone davon enorm profitieren können. Abgesehen von den direkten Spillover-Effekten würde man in Deutschland neue Zuversicht gewinnen, dass man einen echten Führungspartner in der Eurozone hat.

Ja, Deutschland hätte sich schon früher großzügiger gegenüber den Peripherieländern zeigen sollen – indem es neue Wege für den Schuldenabbau aufzeigt und Strukturreformen unterstützt. Die Vorstellung, dass ein Deutschland in der Form einer gigantischen Ausgaben-Lokomotive sämtliche Probleme lösen könnte, ist jedoch leider ein Trugschluss.

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