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Kommentar : Kultur muss man nicht schützen

Vielleicht bald weg: Leihgaben von Georg Baselitz in der Pinakothek der Moderne. Bild: dpa

Deutsche Kunstwerke sollen seltener ins Ausland verkauft werden: Dafür plant die Regierung ein Gesetz. Doch es würde nicht sein Ziel erreichen – sondern das Gegenteil.

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          Eine politische Debatte erschüttert die deutsche Kunstszene. Es geht um die Neufassung des sogenannten „Kulturgutschutzgesetzes“ von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Ein Gesetz, das die Ein- und Ausfuhr von Kulturgütern präziser (und damit strenger) reglementieren soll. Betroffen sind Gemälde, Skulpturen und Altertümer von Wert und Bedeutung. Sie sollen sogar innerhalb der EU nur noch mit Genehmigung gehandelt werden dürfen. Künstler fürchten um die internationale Handelbarkeit und damit um den Wert ihrer Kunstwerke und ziehen vorsichtshalber schon mal Leihgaben aus Museen ab – Georg Baselitz etwa zehn Werke aus dem Dresdner Albertinum.

          Jenseits aller künstlerischen und juristischen Debatten steckt dahinter eine zutiefst ökonomische Frage: Soll das Prinzip des Freihandels auch für Kunstwerke gelten? Oder gibt es gute Gründe, warum Staaten den internationalen Handel von Kunst und Altertümern durch Zölle oder, wie in diesem Fall, durch sogenannte nichttarifäre Handelshemmnisse wie Genehmigungspflichten begrenzen sollten?

          Für normale Güter ist Freihandel gut – und für Kunst?

          Für normale Güter hat sich die Position, dass Freihandel von Vorteil ist, recht weitgehend durchgesetzt. In der Ökonomie war es David Ricardo (1772-1823), der, aufbauend auf den Arbeiten von Adam Smith (1723-1790), die Grundlagen dafür legte. Wer tauscht, gewinnt, lautet das Prinzip: Der Abbau von Handelsschranken zwischen zwei Ländern stellt beide besser. Der europäische Binnenmarkt ist eine solche Erfolgsgeschichte: Vom Wegfall der Zölle und Handelshemmnisse haben alle Staaten profitiert.

          Nun könnte es verschiedene Gründe geben, warum man bei Kunstwerken eine Ausnahme machen sollte. Gern angeführt wird das Argument, dass es bei antiken Überbleibseln einen regen Handel mit Stücken aus Raubgrabungen gibt. Die Bekämpfung solcher Kriminalität ist sinnvoll, auch damit die Arbeit von Archäologen weniger behindert wird. Dabei ist allerdings fraglich, ob die Instrumente des Gesetzes effizient und effektiv wären: Schließlich dürfte der illegale Handel einen Weg vorbei an den neuen Vorschriften finden. Zum anderen scheint es übertrieben, wegen des illegalen Handels mit Antiken und sonstiger Raubkunst alle Kunstgeschäfte zu erschweren.

          Eine zweite Argumentation zielt darauf ab, dass große Kunst für alle in Museen zu sehen sein sollte - und Letztere nicht genötigt sein sollten, die Kunstwerke teuer vom internationalen Kunstmarkt zurückzukaufen. Anderseits: Soll es der öffentlichen Hand wirklich erlaubt sein, den grenzüberschreitenden Kunsthandel gezielt preissenkend zu regulieren, um sich selbst billiger für Museen eindecken zu können? Und wenn das nicht gelingt: Ist es dann für die Öffentlichkeit besser, wenn Kunst bei privaten Sammlern im Inland hängt als im Ausland? Das leuchtet nicht ein.

          Sind Kulturgüter überhaupt Waren?

          Bleibt die ganz grundsätzliche Frage, ob es sich bei diesen hochwertigen Kulturgütern überhaupt um Waren im ökonomischen Sinne handelt - oder ob es Dinge gibt, die man bewusst (etwa aus nationalen Gründen) dem ökonomischen Prozess entziehen sollte. Frei nach Bestsellerautor Michael Sandel, der fordert, es müsse Dinge geben, „die Geld nicht kaufen kann“. Man könnte argumentieren, eine Nation habe „ein Recht“ auf ihre große Kunst. Aber selbst wenn man sich auf diese Argumentation einlässt: Wie viele Kunstwerke eines Landes sind von solch nationalem Rang jenseits von Frankreichs Mona Lisa? Hundert? Tausend? Die Auswahl bleibt willkürlich. Zudem müsste der Staat eigentlich, wenn er für ein Kunstwerk eine solche Entscheidung trifft, die Eigentümer entschädigen. Oder, besser, die für die Nation völlig unverzichtbaren Kunstwerke selbst aufkaufen.

          Sonst gibt es nämlich ein typisches Regulierungs-Paradoxon: Je länger ein Werk in einem Museum hängt, desto bedeutender wird es für die Nation. Und desto weniger darf es gehandelt werden. Also wird jeder Besitzer versuchen, große Kunstwerke nicht zu lange im Museum zu zeigen. Erreicht würde das Gegenteil des Angestrebten.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

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