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Regierungsberater : Kanzlerin sucht Verhaltensforscher

Hilfe von oben braucht Angela Merkel eher nicht. Sie sucht nach Psychologen, Anthropologen und Verhaltensökonomen. Bild: REUTERS

Psychologen, Anthropologen und Verhaltensökonomen sollen her und Angela Merkel helfen: Die Regierung will wirksamer regieren und den Bürgern einen Schubs in die „richtige“ Richtung geben.

          In dieser Stellenausschreibung steckt politische Musik. Das Bundeskanzleramt sucht gleich drei Referenten mit tiefen Kenntnissen über Psychologie, Anthropologie und Verhaltensökonomik für den Stab Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben. Die „Bild“-Zeitung fabrizierte daraus die Schlagzeile „Merkel will Psycho-Trainer anheuern“. Ob die Kanzlerin demnächst „im Guru-Stil regieren“ wolle, fragte das Blatt in boulevardesker Überspitzung.

          Ein Regierungssprecher dämpfte die Phantasie: „Ich kann sie beruhigen: Es werden keine Sofas im Kanzleramt aufgestellt.“ Vielmehr gehe es darum, neue Methoden für „wirksames Regieren“ zu erproben. Dafür sollten Erkenntnisse der Verhaltensökonomie stärker genutzt werden. Denn Forscher hätten herausgefunden, „dass viele Menschen so handeln, dass es ihren eigenen Interessen widerspricht“, so der Regierungssprecher.

          Die Gruppe im Kanzleramt soll die „Entwicklung alternativer Designs von politischen Vorhaben“ auf Grundlage verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse vorantreiben, heißt es in der Anzeige. Den Grundstein dieser Idee einer psychologischen Politikberatung legte das Buch „Nudge“ des Ökonomen Richard Thaler (Universität Chicago) und des Juristen Cass Sunstein (Harvard Universität) im Jahr 2008. Es ist eine Art „Bibel“ der Bewegung geworden. Der Titel „Nudge“ kann mit „Schubser“ übersetzt werden.

          Die Regierung gibt den Bürgern einen Schubser in die „richtige“ Richtung. Kernidee ist die Annahme, dass Menschen oft falsche, weil für sie langfristig ungünstige Entscheidungen treffen. Sie essen zu viel, sie rauchen, treiben zu wenig Sport oder sparen wenig für ihre Altersvorsorge, was sie später bereuen. Mit Hilfe einfacher psychologischer Methoden könnte man das Verhalten beeinflussen und die Entscheidungsfindung verbessern – so die von der Politik begierig aufgegriffene These von Thaler und Sunstein.

          Ein von Wissenschaftlern viel diskutiertes Beispiel findet sich bei der Debatte um Organspenden. Hier gibt es zwei Politikoptionen: Entweder die Bürger müssen aktiv ihre Bereitschaft als Organspender melden. Oder aber jeder Bürger gilt als Organspender, solange er nicht explizit Einspruch dagegen erhebt. Rein formal betrachtet bleibt dem Bürger in beiden Fällen die Wahlfreiheit, doch zeigt sich in verschiedenen Ländern, dass die Zahl der Organspender in der zweiten Variante deutlich größer ist. Durch eine einfache Veränderung des „Designs“ der Entscheidung erreicht man eine dramatische Steigerung der Organspenderzahl.

          Sanfter Paternalismus?

          Das ist wohl das, was das Kanzleramt mit „wirksamer regieren“ umschreibt. Auch die Ersparnisbildung von Arbeitnehmern kann stark gesteigert werden, je nachdem ob sie vor die Entscheidung gestellt werden, explizit Ja oder Nein zu einer private Zusatzrente zu sagen. Ein drittes Beispiel ist die Steuermoral der Bürger. Experimente zeigen: Teilt man säumigen Steuerzahlern mit, wie viele Nachbarn schon ihre Steuern gezahlt haben, so steigt die Steuermoral deutlich.

          So elegant das klingt, so kontrovers ist der Behavioral-Economics-Ansatz: Zum einen decken die Forschungsergebnisse nicht alle Annahmen dieser Politik, vor allem nicht die These, dass Menschen ständig irrational handeln. Kritiker dieser Politik, die oft auch als „liberaler“ oder „sanfter“ Paternalismus bezeichnet wird, sehen darin eine Anmaßung des Staates, der über die Wünsche seiner Bürger entscheidet und diese dann mit psychologischen Tricks manipuliert.

          Die Regierung Merkel ist freilich nicht die erste, die sich der verhaltenswissenschaftlichen Methoden bedienen will: Schon im Jahr 2010 hat der britische Premierminister David Cameron das „Behavioral Insights Team“ installiert, genannt Nudge-Unit. Die dänische Regierung hat ein „Mind Lab“ (Laboratorium) eingerichtet. Und auch der Regierung Obama wird nachgesagt, dass sie „Nudging“-Experten rekrutiert.

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