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Kampf gegen Fettleibigkeit : Turnen mit den kleinen „Kalorienbomben“

Auch wenn der Speck oft in der Familie liegt: Kinder müssen richtige Ernährung erlernen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

1,9 Millionen deutsche Kinder sind zu dick. Das Bundesministerium für Ernährung arbeitet nun an einem Aktionsplan gegen Fettleibigkeit. Doch es gibt schon einzelne Projekte. Rainer Schulze hat eines in der Tagesstätte Lohmarkt in Nordhausen besucht.

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          Das Spiel „Herr Löwe, Herr Löwe, wie spät ist es?“ geht so: Mit Herrn Löwe an der Spitze windet sich eine Kinderpolonaise durch den Turnraum der Kindertagesstätte Lohmarkt. Der Schwanz fragt drei-, viermal im Chor nach der Uhrzeit. Herr Löwe - der kleine Hannes an der Spitze - lässt die anderen schmoren. „Halb sechs“, „Viertel vor neun“, „Fünf vor drei“. Erst auf sein Kommando „Fressenszeit“ löst sich die Polonaise auf, der Kinderpulk flüchtet kreischend in alle Richtungen.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Fressenszeit“ ist für einige kleine „Löwen“ viel zu häufig. 15 Prozent der 3 bis 17 Jahre alten Kinder sind in Deutschland übergewichtig, 6,3 Prozent fettleibig, schreibt das Robert Koch-Institut in einer Studie. 1,9 Millionen Kinder sind danach zu dick, 800.000 von ihnen sogar adipös, wie der Leibesumfang genannt wird, wenn der Fettanteil an der Körpermasse eine pathologische Dimension annimmt.

          Dicke Kinder können für Krankenkassen teuer werden

          Bei Erwachsenen spricht man von Adipositas, wenn der sogenannte Body-Mass-Index (BMI) über den Wert 30 klettert. Der Index basiert auf der Formel: Gewicht in Kilogramm geteilt durch die quadrierte Körpergröße in Metern. Bei Kindern wird Fettleibigkeit mit Hilfe von alters- und geschlechtsspezifischen Referenzwerten ermittelt. Wer schon in jungem Alter übermäßig viele Pfunde auf den Rippen hat, muss später schwer kämpfen, um sie wieder loszuwerden.

          Dicke Kinder können für die Krankenkassen einmal sehr teuer werden. Typische Folgen von Übergewicht - Bluthochdruck, Erkrankungen des Bewegungsapparats und Diabetes - verursachen rund ein Drittel der Kosten im deutschen Gesundheitswesen. 2003 waren das 72,6 Milliarden Euro. Dabei gilt: Je dicker, desto teurer. Das GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit hat im Raum Augsburg die medizinischen Kosten Normalgewichtiger denjenigen stark Übergewichtiger gegenübergestellt.

          Deutsche Männer sind die dicksten in Europa

          Während die Arztkosten der Personen mit moderater Adipositas (BMI zwischen 30 und 35) die normalgewichtiger Personen (BMI zwischen 18,5 und 25) um rund 230 Euro im Jahr oder 25 Prozent übertreffen, wird es bei Personen mit starker Adipositas (BMI größer als 35) besonders teuer. Die Schwergewichte geben für stationäre Aufenthalte, Medikamente und Arztbesuche 1700 Euro mehr aus als Normalgewichtige - dreimal so viel.

          Einmal dick, immer dick? Zwei Drittel aller deutschen Männer sind zu dick, in keinem anderen Land Europas ist der Anteil der Übergewichtigen höher, schreibt das Europäische Statistikamt Eurostat in seinem aktuellen Jahrbuch. Demnach haben 48 Prozent der Männer in Deutschland Übergewicht, weitere 18,8 Prozent leiden sogar an Fettleibigkeit. Auch die Frauen achten nicht eben übermäßig auf ihre Linie. In Deutschland sind 31,3 Prozent der Frauen übergewichtig. Der Anteil fettleibiger Frauen übertrifft nach Angaben von Eurostat mit 21,7 Prozent die entsprechende Quote der Männer. Noch mehr fettleibige Frauen gibt es in der EU nur in England - dort liegt ihr Anteil bei 23 Prozent.

          BMELV will „eine nationale Bewegung anzustoßen“

          Die Bundesregierung will der Fettleibigkeit, zu der im Grundschulalter die Weichen gestellt werden, den Kampf ansagen. Das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) arbeitet an einem „Nationalen Aktionsplan Ernährung“, um, wie es heißt, „eine nationale Bewegung anzustoßen“. Noch in diesem Frühjahr wolle Horst Seehofer, Bundesminister für Ernährung, die Eckpunkte des „sehr umfangreichen“ Plans vorstellen, der derzeit zwischen den Ministerien abgestimmt wird. Auch Länder, Kommunen und die private Wirtschaft sollten mit ins Boot, sagt Ursula Horzetzky, Referatsleiterin für Ernährungspolitik.

          Das Ministerium will mit dem Aktionsplan schon bestehende Programme zur Prävention von Übergewicht bündeln und neue Projekte anstoßen. Im Rahmen der vom BMELV finanzierten Kampagne „Besser essen. Mehr bewegen. Kinderleicht“ hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) etwa für die Gemeinschaftsverpflegung in Kindergärten Qualitätsstandards entwickelt. Ein ähnliches Projekt gibt es schon unter dem Namen „Schule + Essen = Note 1“ für die Schulverpflegung.

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