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Kalte Progression : Was Schäubles Mini-Steuerreform bringt

Das Grauen hat einen Namen: Steuererklärung Bild: dpa

Die Bundesregierung verspricht eine Steuerentlastung, die sogenannte „Kalte Progression“ soll entschärft werden. Aber was ist das überhaupt? Und wie viel Ersparnis bringt mir das? Fünf Beispiele.

          Jetzt sei es Zeit, das Problem der „kalten Progression“ zu lösen, sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble. Nachdem die Steuerschätzer am Donnerstag bekannt gegeben haben, dass in den kommenden Jahren wahrscheinlich deutlich mehr Steuern eingenommen werden als bisher geplant, sieht er genug Spielraum dafür.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unter der kalten Progression verstehen Fachleute eine Art schleichende Steuererhöhung. Sie kommt zustande, wenn Arbeitnehmer bei Lohnerhöhungen automatisch in einen höheren Steuersatz rutschen und mehr Steuern zahlen müssen, obwohl die Lohnerhöhung von der allgemeinen Inflation aufgezehrt wird, sie also real nicht mehr verdienen. Das Phänomen kommt durch ein Zusammenspiel einer progressiv gestaffelten Einkommensteuer (wer mehr verdient, muss auch höhere Steuersätze bezahlen) und einer schleichenden Inflation zustande. Und zwar dann, wenn die Beträge, ab denen höhere Steuersätze bezahlt werden müssen, nicht im Zuge der Inflation angepasst werden. Dann tut der Staat so, als wären wir reicher geworden und nimmt uns mehr weg, obwohl wir - gemessen in Kaufkraft - gar nicht mehr verdienen.

          Da die Inflation derzeit aber sehr niedrig ist, wird ein Lindern der „kalten Progression“ nicht so viel Entlastung bringen, wie sich manche erhoffen. Die geplante Mini-Steuerreform von Schäuble sei nicht viel mehr als eine „Taschengeld-Erhöhung“, lästert FDP-Chef Christian Lindner schon. Das mag auf den ersten Blick richtig sein, aber da die Inflationsraten künftig auch wieder steigen können, ist es gut, das Problem jetzt anzugehen, zumal Schäuble verspricht, künftig könnte alle zwei Jahre auf Grundlage eines Berichts über den Steuertarif entschieden werden.

          Im Detail ist noch nicht bekannt, wie der Steuertarif genau angepasst werden soll. Die grundsätzliche Stoßrichtung ist aber klar: Wer eine Lohnerhöhung bekommt, die gerade einmal die Inflation ausgleicht, der soll nicht so behandelt werden, als sei er reicher geworden, nur weil sein Bruttoverdienst steigt. Schäuble selbst geht davon aus, dass die Steuerzahler insgesamt  jährlich rund 1,5 Milliarden Euro weniger zahlen müssen - das wären bei etwa 42 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland ganz grob überschlagen 35 Euro im Schnitt für jeden. Tatsächlich fällt die Entlastung allerdings unterschiedlich aus, je nach Lebenssituation.

          Das zeigen Beispielrechnungen des Instituts des Steuerzahlerbundes. Demnach könnte ein Single mit einem zu versteuerndem Jahreseinkommen von 40.000 Euro im Jahr etwa 58 Euro sparen - also knapp 5 Euro im Monat.  Wer als Single 60.000 Euro verdient, spart insgesamt schon 100 Euro im Jahr.

          Ehepaare, die gemeinsam 80.000 Euro im Jahr versteuern müssen, kommen auf eine Ersparnis von 116 Euro im Jahr, also rund 10 Euro im Monat.  Verdienen sie 100.000 Euro sparen sie 176 Euro im Jahr, bei einem versteuernden Einkommen von 200.000 Euro sparen sie genau 200 Euro.

          Da noch kein exakter Tarif vorliegt, sind die Forscher bei ihren Berechnungen einfach davon ausgegangen, dass sich die Tarifgrenzen um die von Schäuble prognostizierte Inflationsrate von 1,5 Prozent in den Jahren 2015 und 2016 erhöhen. Zudem wurde bei der Jahressteuer 2016 berücksichtigt, dass schon vor Schäubles Ankündigung eine Erhöhung des Grundfreibetrags nahezu beschlossen war. Diese Entlastung ist also herausgerechnet, weil sie nichts mit Schäubles neuem Vorstoß zu tun hat.

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