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Josef Ackermann und Hans Christoph Binswanger : „Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff es denn!“

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Binswanger: Was man als Lehen hat, zur Leihe hat, darf man wirtschaftlich nutzen, muss es aber pflegen und möglichst unversehrt vererben. Faust proklamiert: „Herrschaft gewinn ich, Eigentum.“ Nach dem „Code Napoléon“, der um die Wende zum 19. Jahrhundert in weiten Teilen Deutschlands Gesetz wurde, darf der Eigentümer über sein Eigentum nach völligem Belieben verfügen: Es gebrauchen, aber auch verbrauchen, ausplündern, zerstören.

Der Mensch macht sich zum Herrn der Welt...

Binswanger: Zu der Herrschaft über die Natur tritt die Beherrschung der Naturkräfte hinzu. Faust träumt davon, sich die Kraft von Ebbe und Flut als unbegrenzte, unendliche Energiequelle nutzbar zu machen. Wer die Naturkräfte einmal beherrscht, der kann dann Wertschöpfung ohne Einsatz von Arbeit erzielen. Andererseits kann die Herrschaft über die Natur auch der Umweltzerstörung Vorschub leisten - dafür steht im „Faust“ die Vertreibung von Philemon und Baucis aus ihrer Idylle.

Investmentbanker werden als „Masters of the Universe“, als „die Herren des Universums“, beschrieben. Zu den Ursachen der Finanzkrise zählt, dass die Bonussysteme in den Investmentbanken der Jagd nach dem schnellen Geld Vorschub geleistet haben. Welche Konsequenzen zieht die Deutsche Bank daraus?

Ackermann: Anreize, die Mitarbeiter dazu anhalten, das schnelle Geld, also kurzfristige Gewinne zu machen, ohne Rücksicht auf Verlustrisiken später, sind falsch. Die Anreize müssen vielmehr so gesetzt werden, dass die Mitarbeiter im längerfristigen Interesse der Eigentümer handeln. Generell gilt: Unternehmen müssen Risiken eingehen. Dabei kommt es gelegentlich auch zu Verlusten, weil das Risiko falsch eingeschätzt wurde. „Es irrt der Mensch, solang er strebt“, heißt es im „Faust“. Auf keinen Fall aber darf ein Unternehmen ein Risiko eingehen, das seine Existenz gefährdet.

Wird die Deutsche Bank ihr Bonussystem verändern?

Ackermann: Wir haben schon bisher mittel- und langfristige Komponenten in unseren Vergütungssystemen. Aber wir arbeiten derzeit an weiteren Verbesserungen. Ziel ist es, einen Teil des Bonus zurückzubehalten, bis sicher ist, dass aus aktuellen Gewinnen nicht später ein Verlust wird.

Sie haben unlängst zwei große internationale Bankenkonferenzen geleitet, eine in Kyoto und eine in Peking. Was waren da die zentralen Themen?

Ackermann: Welche Lehren aus der Krise zu ziehen und welche Reformen umzusetzen sind - zum Beispiel Reformen der Bonussysteme. Daneben ging es um das künftige Verhältnis von Staat und Wirtschaft. Weitere Themen waren die zunehmende Bedeutung der Schwellenländer für die Weltwirtschaft sowie die Refokussierung der Politik auf nationale Interessen bis hin zum Protektionismus und zu den damit verbundenen Gefahren für die Globalisierung.

Herr Ackermann, entgegen Ihrer ursprünglichen Ankündigung werden Sie die Deutsche Bank nun weitere drei Jahre führen. Das geht mit einer Jagd über alle Kontinente von Termin zu Termin einher, mit „faustischer Rastlosigkeit“. Was motiviert Sie? Ist da noch etwas Unerledigtes? Vielleicht sogar noch etwas wiedergutzumachen?

Ackermann: Nein, ich habe diese Entscheidung vor allem aus Pflichtgefühl getroffen. Die Bank war durch die Nachfolgediskussion in eine unangenehme Lage geraten, es musste Klarheit geschaffen werden. Aber natürlich ist die Deutsche Bank zu führen auch eine schöne und spannende Aufgabe. Gerade jetzt: Denn wir glauben, dass wir eine Chance haben, künftig eine noch größere Rolle spielen zu können. An dem Schöpfungsprozess der Wirtschaft teilzuhaben und am Fortschritt mitzuwirken übt eine große Faszination aus. „Das ist der Wahrheit letzter Schluss“, heißt es bei Goethe: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“

Herr Binswanger, was sind die Lehren aus Goethes „Faust“ für uns heute?

Binswanger: Ich gebe demnächst ein Buch heraus mit dem Titel „Vorwärts zur Mäßigung“. Wir müssen uns „der Sorge“ stellen - der Sorge für den Erhalt der Natur, der Heimat und des Maßvollen.

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