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Josef Ackermann und Hans Christoph Binswanger : „Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff es denn!“

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Ackermann: Es gibt prominente Stimmen wie zum Beispiel die Nobelpreisträger Edmund Phelps und Joseph Stiglitz oder Paul Volcker, Wirtschaftsberater bei Präsident Barack Obama, die für die Aufspaltung von Banken nach Geschäftsfeldern plädieren, das heißt für eine teilweise Rückkehr zu dem sogenannten Glass-Steagall-Gesetz, das Banken mit Kundeneinlagen bestimmte riskante Aktivitäten untersagte - das aber 1999 aufgehoben wurde. Wir sind demgegenüber jedoch der Ansicht, dass diversifizierte Banken wünschenswert sind, diversifiziert nach Produkten, Kunden und Regionen. Integrierte Universalbanken haben sich in der Krise in der Regel als stabiler erwiesen. Aus unserer Sicht ist Größe an sich nicht der entscheidende Punkt, obwohl große Banken für kleine Länder ab einem gewissen Punkt schon ein Problem darstellen können. Wichtiger als die Größe ist die Verflechtung.

Müsste die Aufsicht künftig nicht das Risiko berücksichtigen, das von einer Bank auf das Finanzsystem ausgeht: Je größer das Systemrisiko, desto mehr Eigenkapital muss die Bank vorhalten?

Ackermann: Die Krise hat gezeigt, dass die Vernetzung unter den Banken heute so groß ist, dass schon mittelgroße Banken systemrelevant sein können. Damit ist die Gefahr gewachsen, dass Bankmanager zu große Risiken eingehen, weil sie erwarten, im Zweifelsfall aufgefangen zu werden.

Noch einmal: Wie sollte die Aufsicht mit den Systemrisiken umgehen?

Ackermann: Eine Konsequenz muss sein, die Vernetzung zu verringern, zum Beispiel durch die Einführung von zentralen Gegenparteien in bestimmten Marktsegmenten, so dass schwache Marktteilnehmer ausscheiden können und es zu einer Marktbereinigung kommen kann. Gleichzeitig muss die Aufsicht über die Banken verbessert werden. Vermutlich werden die großen systemrelevanten Banken auch mehr Eigenkapital als bisher vorhalten müssen.

Können Banken dann noch die hohen Renditen erwirtschaften?

Ackermann: Ich bin sicher, dass die Besten auch dann noch gute Renditen erzielen können - ohne übermäßige Risiken einzugehen.

Zurück zum „Faust“: Verändert die Schöpfung von Papiergeld, ganz allgemein das Geld, den Charakter des Menschen oder der Gesellschaft insgesamt? Wie stellt Goethe das dar?

Binswanger: Ambivalent. Auf der einen Seite ermöglicht die Geldschöpfung Investitionen, sie löst Wachstum, wirtschaftlichen Elan aus, ermöglicht die schöpferische Tat. Auf der anderen Seite lässt Goethe im „Faust“ die drei wilden Gesellen Raufebold, Habebald und Haltefest auftreten. Sie stehen für nackte Gewalt, Gier und Geiz.

Im „Faust“ tritt auch „die Sorge“ als Person auf.

Binswanger: Der Unternehmer muss immer Kapital vorschießen, und er ist sich unsicher, ob er für die produzierten Güter später kaufkräftige Nachfrage findet. Deshalb blickt er immer besorgt in die Zukunft. In der Gegenwart gibt es für ihn - für Faust als Prototyp des modernen Menschen - keinen „erfüllten Augenblick“. Daher diese faustische Rastlosigkeit. Der Gewinn ist der Ausgleich für die Sorgen, die sich der Unternehmer auflädt. Damit irgendjemand Kapital einsetzt, muss es im Durchschnitt auf Dauer Gewinne geben.

Neben der Papiergeldschöpfung sieht Goethe noch einen weiteren Motor der wirtschaftlichen Dynamik, den Übergang von Lehen beziehungsweise Besitz zu privatem Eigentum.

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