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Josef Ackermann und Hans Christoph Binswanger : „Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff es denn!“

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Binswanger: Stimmt! Die heutige Weltwirtschaft funktioniert ganz anders als die neoklassischen Gleichgewichtsmodelle, die im Grunde eine bäuerliche Tauschwirtschaft beschreiben; gleichwohl hantieren die meisten Ökonomen noch heute vorzugsweise mit diesen Modellen. Viele junge Ökonomen sehen diese theoretischen Defizite nicht einmal mehr. Der Streit der deutschen Ökonomen, der seit einiger Zeit hauptsächlich in der F.A.Z. geführt wird, ist deshalb ein Streit um des Kaisers Bart. Er wäre fruchtbarer, wenn er auf die grundsätzlichen inhaltlichen Fragen ausgeweitet würde.

Herr Ackermann, Sie sind ja als Dozent an der Universität Frankfurt sowie an der London School of Economics tätig. Gibt es an Universitäten ausreichend Auseinandersetzung mit den Werten, auf die sich eine Gesellschaft verständigen muss, damit sich - um mit Faust zu sprechen - „alles zum Ganzen webt“?

Ackermann: Diese Auseinandersetzung ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. Natürlich ist das Verständnis von Modellen wichtig. Aber man darf darüber die politische, soziale und kulturelle Dimension nicht vergessen. Banken, die sich von dem reinen Modelldenken lösen konnten und die Situation mehr gesamtheitlich beurteilt haben, sind in dieser Krise besser gefahren. Denn viele Entwicklungen hatten nichts mehr mit den Modellwelten zu tun, sondern wurden durch die Politik oder Maßnahmen der Zentralbank angestoßen. Im Studium muss deshalb auch die Fähigkeit vermittelt werden, politische und gesellschaftliche Strömungen wahrzunehmen. Über Modellwelten und Mathematik geht leicht der Bezug zur Realität verloren.

Zurück zum „Faust“. Was bewirkt die Papiergeldschöpfung da?

Binswanger: Im ersten Stadium, dass sich der Staat seiner Schulden entledigen kann, Geld in Umlauf kommt und den Konsum ankurbelt. Aber in einem zweiten Stadium artet das in Inflation aus. Das ist auch die Sicht von Mephistopheles: dass Geld eigentlich keine reale Wirkung hat.

Also fauler Zauber ist...

Binswanger: Mephistopheles hatte Faust auf den Gedanken gebracht, dem Kaiser die Papiergeldschöpfung vorzuschlagen. Als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“', erwartet er, dass dies letztlich zu Inflation führen wird. Doch nutzt Faust das Geld, um Neuland zu erschließen, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Neu geschaffenes Geld muss investiert, in Wertschöpfung umgesetzt werden. Das ist die Alternative zur Inflation.

Ackermann: Durch die Schöpfung von Papiergeld und Buchgeld kann man die physische Knappheit des Goldes überwinden und die monetäre Basis verbreitern. Die große Herausforderung ist dann, dieses Angebot an Geld zu kontrollieren und in ein vernünftiges Verhältnis zum realen Wachstum zu setzen.

Binswanger: Im „Faust“ räumt der Kaiser den Banken das Privileg ein, Banknoten auszugeben und so Papiergeld zu schaffen. Heutzutage haben die Banken vom Staat die Lizenz, Buchgeld zu schaffen. Der Staat unterstützt das insofern, als jedermann das Buchgeld in Bargeld - das gesetzliche Zahlungsmittel - umwandeln kann. Der Staat hat damit auch die Verantwortung dafür, was er inszeniert.

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