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Neue Studie : Jeder zweite Arzt will nicht mehr in der Klinik arbeiten

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Stimmung der Krankenhausärzte ist miserabel. Mehr als die Hälfte der Klinikärzte erwägt deshalb, ihre Tätigkeit aufzugeben. Das geht aus einer Studie des Marburger Bundes hervor.

          Die Stimmung der Krankenhausärzte ist miserabel. Nur jeder fünfte Mediziner beurteilt die Arbeitsbedingungen als gut oder sehr gut, jeder zweite hält sie für schlecht oder sehr schlecht. 53 Prozent der Klinikärzte erwägen deshalb, ihre Tätigkeit aufzugeben. Von den Assistenz- und Fachärzten wollen sogar 59 Prozent nicht mehr im Krankenhaus arbeiten. Nahezu jeder dritte Mediziner würde den Arztberuf nicht ein zweites Mal ergreifen. Das geht aus einer Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) unter ihren mehr als 80000 aktiven Mitgliedern hervor, an der sich fast 19.000 Ärzte beteiligt haben und die von der Gewerkschaft als repräsentativ eingeschätzt wird. Die komplette Studie wird am 18. September in Berlin präsentiert.

          Der MB-Vorsitzende Frank Ulrich Montgomery nannte die Zahlen „erschreckend“ und sprach von einem „alarmierenden Zeichen“. Deutschland stehe vor einer dramatischen Verschärfung der Ärzteflucht und einem ernsthaften Ärztemangel in den Krankenhäusern. Immer mehr Jungmediziner, ausgestattet mit hervorragenden Fremdsprachenkenntnissen, dränge es ins Ausland, berichtete Montgomery. „Die haben einen ganz anderen Marschallstab im Tornister – und die nutzen das.“ Als Folge drohe den Kliniken ein „Einbruch der Versorgungsqualität“.

          93 Prozent wünschen sich mehr Geld

          Am meisten stört die Mediziner die Arbeitsüberlastung (39 Prozent), die überhandnehmende Bürokratie in den Krankenhäusern (22 Prozent) und die nicht adäquate Vergütung (19 Prozent). Fragt man separat nach einzelnen Themen, so kommt der Vergütung eine noch höhere Bedeutung als den Arbeitszeiten zu: Insgesamt 93 Prozent der Klinikärzte wünschen sich mehr Geld, 72 Prozent kürzere Arbeitszeiten.

          Den Kittel an den Nagel zu hängen wünschen sich anscheinend viele Ärzte

          „Die Hälfte der Ärzte ist ohne weiteres bereit, noch mal zehn Stunden auf die Vierzig-Stunden-Woche draufzupacken, aber bei 50 Stunden soll dann auch irgendwann Schluss sein“, sagte Montgomery. Die Wirklichkeit sieht indessen anders aus: 21 Prozent geben ihre wöchentliche Arbeitszeit (einschließlich Überstunden und Bereitschaftsdiensten) mit 40 bis 49 Stunden an, 38 Prozent mit 50 bis 59 Stunden, 40 Prozent mit 60 bis 79 Stunden und ein Prozent mit mehr als 80 Stunden – für Montgomery ein Beleg für das gravierende Ausmaß, in dem den Medizinern „illegale Marathondienste“ abverlangt würden. Theoretisch müssten alle Ärzte, die mehr als 50 Stunden im Einsatz sind, der Ausweitung ihrer Arbeitszeit persönlich zugestimmt haben, erläuterte Montgomery. Jedoch habe nur jeder vierte Betroffene diese „Opt out“-Regelung unterzeichnet. Das zeige, dass hier bewusst gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen werde.

          Verstöße bei Überstunden und Bereitschaftsdiensten

          Ähnliche Verstöße offenbaren sich der Umfrage zufolge auch bei den Überstunden und Bereitschaftsdiensten. Im Schnitt könne ein Klinikarzt im Monat bis zu vier Bereitschaftsdienste leisten, ohne gegen das Arbeitszeitgesetz zu verstoßen, erläuterte Montgomery. Doch machten 39 Prozent der Ärzte fünf bis neun, weitere zwei Prozent sogar zehn und mehr Bereitschaftsdienste im Monat. Ähnlich sei das Bild bei den Überstunden. 33 Prozent der Klinikärzte arbeiteten je Woche fünf bis neun Stunden länger, 29 Prozent leisteten 10 bis 19, sieben Prozent 20 bis 29 und drei Prozent der Mediziner 30 oder mehr Überstunden. Auf die rund 131000 Krankenhausärzte hochgerechnet, komme man im Jahr auf 56,6 Millionen Überstunden. Da nur jede zehnte davon vollständig bezahlt werde, „schenken die Ärzte den Arbeitgebern und der Gesellschaft jedes Jahr den Gegenwert von mehr als einer Milliarde Euro“, klagte Montgomery.

          Mit der Umsetzung der Tarifverträge, die der Marburger Bund mit den kommunalen Krankenhäusern, den Universitätskliniken und privaten Ketten geschlossen hat, ist die Gewerkschaft noch nicht ganz zufrieden. Zwar sei die Gesetzes- und Vertragstreue in den tarifgebundenen Häusern etwas höher. Doch würden im Durchschnitt aller Krankenhäuser immer noch in 59 Prozent der Fälle die Höchstarbeitsgrenzen nicht eingehalten und in 49 Prozent der Kliniken die Arbeitszeiten nicht systematisch erfasst. „Die Hälfte der Arbeitgeber bricht auf übelste Weise das Arbeitszeit- und/oder das Tarifrecht“, rügte Montgomery. Es sei geradezu „peinlich“, dass nur in jeder vierten Klinik die Arbeitszeit elektronisch dokumentiert werde. Außerdem gebe es noch Probleme mit der Anwendung des Tarifvertrags, vor allem bei der Oberarztvergütung und der Anrechnung der Tätigkeit als „Arzt im Praktikum“ auf die Eingruppierung.

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