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Japan : Sorgen wegen verseuchter Lebensmittel

Wie sicher ist das Sushi noch? Testeinrichtungen, um Lebensmittel auf Radioaktivität zu prüfen sind in Japan rar Bild: AFP

Der radioaktive Niederschlag in Japan bereitet den Verbrauchern Sorgen. Die Regierung erwartet zwar keine „unmittelbaren“ Gefahren durch Lebensmittel. Doch die Lieferungen in die Nachbarländer wurden eingestellt. Zudem fehlt es an Testlaboren, um die Nahrung ausreichend zu prüfen.

          Radioaktiv verseuchte Milch, belasteter Spinat und Sushi – der radioaktive Niederschlag aus dem schwer beschädigten Atomkraftwerk Fukushima wächst sich zu einer Krise für die japanische Landwirtschaft aus. Die für den Verbraucherschutz zuständige Ministerin Renho Murata bemühte sich am Montag in Tokio, die Sorgen der Bevölkerung über belastete Lebensmittel zu zerstreuen. Es sei nicht zu erwarten, dass diese Lebensmittel „unmittelbar die menschliche Gesundheit beeinflussen“, sagte sie und rief die Verbraucher auf, ruhig zu bleiben. Doch die werden zunehmend skeptisch. In den Geschäften in Tokio fragen mittlerweile viele, woher die Waren kommen. Lieferungen in die asiatischen Nachbarländer sind eingestellt. In Taiwan waren am Wochenende belastete Bohnen aus Nordost-Japan entdeckt worden.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Aus Supermärkten in Tokio wurde am Montag berichtet, dass Lebensmittel aus den betroffenen Regionen aus den Regalen genommen wurden. Die Verbraucher fragten beim Einkauf bislang aber nur selten nach, ob das Gemüse auf Radioaktivität getestet worden sei, hieß es. Die Versorgungslage in Tokio hat sich zum Wochenbeginn stabilisiert. Lebensmittel, Brot, Reis und Milch gibt es reichlich. Lediglich Fertignahrung fehlte in manchen Supermärkten noch.

          Zu wenige Forschungseinrichtungen für Tests auf Radioaktivität

          Wie weit Agrarprodukte auf radioaktive Belastung kontrolliert werden und in den Handel kommen, liegt noch weitgehend in der Entscheidungsmacht der Provinzregierungen. Ein Problem für die Behörden ist nach einem Bericht der Wirtschaftszeitung „Nikkei“, dass es in Japan viel zu wenig Forschungseinrichtungen gibt, um Lebensmittel weiträumig auf radioaktive Belastung zu untersuchen. Kabinettsminister Yukio Edano kündigte an, dass die Regierung in Tokio vorerst alle Lieferungen von Spinat und Milch aus Fukushima und aus der benachbarten Provinz Ibaraki gestoppt habe. Behördenvertreter räumten jedoch ein, dass einige Lebensmittel, deren radioaktive Belastung jenseits der Grenzwerte liegt, möglicherweise schon vom Handel ausgeliefert würden und in den Regalen der Lebensmittelgeschäfte liegen.

          Der Gouverneur der Präfektur Ibaraki, Masaru Hashimoto, sagte, es bestehe bei Agrarprodukten aus dieser Nachbarprovinz von Fukushima zwar kein Gesundheitsrisiko. Er kündigte aber an, dass er jede Kommune bitten werde, keinen Spinat auf die Märkte zu bringen. Die Regierung der Präfektur Fukushima forderte Molkereien auf, keine belastete Milch auszuliefern. In den betroffenen Regionen rings um das Atomkraftwerk, in denen die Landwirtschaft sehr stark ist, wächst die Sorge, dass die nukleare Katastrophe ihre Existenzgrundlage zerstört, weil die Verbraucher Produkte aus dem Nordosten künftig meiden.

          Jod-Grenzwert im Spinat um das 27-fache überschritten

          Am Wochenende war auf Bauernhöfen in mehr als 100 Kilometer Entfernung im Spinat radioaktives Jod gemessen worden, dessen Menge den Grenzwert um das 27-fache übersteigt. Bei Hitachi, einem Ort etwa 100 Kilometer südlich des Atomkraftwerks Fukushima, wies Spinat einen Jod-131-Wert von 54.000 Becquerel und einen Cäsium-Wert von 1931 Becquerel je Kilogramm auf. Die Grenzwerte liegen in Japan bei 2000 Becquerel für Jod und bei 500 Becquerel für Cäsium. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt allerdings einen generellen Grenzwert von nur 100 Becquerel je Kilogramm. Edano meinte dagegen, die japanischen Vorschriften seien sehr streng. Der Betreiber von Fukushima will womöglich eine Entschädigung an Bauern in der Region zahlen. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo am Montag berichtete, habe Tepco das angedeutet.

          Auch in Milch aus der Umgebung von Fukushima wurde eine überhöhte Strahlenbelastung festgestellt. In der Präfektur Tokio und in weiteren Regionen wurde eine geringe Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod festgestellt. Auch hier beeilten sich die Behörden, die Bevölkerung zu beruhigen und erklärten, dass unmittelbare Gefahr für die menschliche Gesundheit nicht drohe. „Ich habe meine Kinder nie viel Milch trinken lassen, aber bei der gegenwärtig gemessenen Konzentration hätte ich keine Bedenken, sie Spinat essen und Leitungswasser trinken zu lassen“, sagte Testuro Fukuyama, Staatssekretär in Edanos Ministerium in Tokio.

          Das japanische Bildungsministerium erklärte wenig später, dass radioaktives Jod und Cäsium am Sonntag auch im Staub und im Regen in Tokio und in den benachbarten Provinzen Chiba, Saitama und Kanegawa festgestellt worden sei. Auch hier gibt es nach Einschätzung der offiziellen Stellen keine Bedrohungen für die menschliche Gesundheit. In Fukushima und Umgebung erwarten Meteorologen in den kommenden Tagen andauernde Niederschläge. Die japanische Regierung wies an, dass die Behörden in diesen Regionen umgehend Jodtabletten an die Bevölkerung ausgeben. Gefahr droht auch der Fischerei an der Nordostküste. Nachdem ihre Existenzgrundlage gerade durch den Tsunami zerstört worden ist, warnen Experten Fischer und Verbraucher jetzt vor einer Verstrahlung des Pazifiks. Die Nuklide würden von Fischen und anderen Meerestieren aufgenommen und gelangten über die Nahrungskette wieder zum Menschen, hieß es.

          Kontamination von Lebensmitteln und Wasser

          Die Angst vor der Kontamination von Wasser und Lebensmitteln in Japan ist nicht unbegründet. Die rund sechstausend Fälle von Schilddrüsenkrebs, die nach der Havarie des Tschernobyl-Reaktors vor 25 Jahren in den am stärksten verseuchten Gebieten in der Ukraine, in Weißrussland und in Russland allein bis zum Jahr 2005 festgestellt worden sind, werden zum größten Teil auf die Wirkung des Isotops Jod-131 zurückgeführt. Dieses Radionuklid ist zwar innerhalb weniger Wochen fast verschwunden, weil es eine Halbwertszeit von nur acht Tagen hat. Aber es ist leicht und wird rasch mit Dampf oder in Partikelwolken verbreitet - und auf verhältnismäßig großer Fläche verteilt. Über Regen, Oberflächengewässer und Grundwasser gelangt es rasch in den Nahrungskreislauf. Einmal aufgenommen, wird das Jod-131 vor allem - besonders bei Kindern im Wachstum - in der Schilddrüse angereichert, wo es als Bestandteil des Schilddrüsenhormons das Genmaterial in den Drüsenzellen schädigt. Im Wasser und in Lebensmitteln, die rund um Fukushima produziert wurden, hat man inzwischen Belastungen insbesondere in Milch und Spinat gemessen, die auch hierzulande dazu führen würden, den Verkauf der Lebensmittel aus diesen Regionen zu verbieten. Strahlenbiologen erwarten, dass das Verbot aufgrund der Jod-131-Belastung schon nach wenigen Wochen wieder aufgehoben werden könnte - vorausgesetzt, die Japaner schaffen es, die Freisetzung von radioaktivem Spaltmaterial rasch einzugrenzen.

          Als mögliche Belastung gilt auf lange Sicht vor allem das Radionuklid Cäsium-137, das insbesondere in Muskeln eingebaut wird und wegen seiner Halbwertszeit von fast dreißig Jahren lange zerstörerische Wirkung entfalten kann. In Tschernobyl und in Skandinavien, wohin 1986 mit den radioaktiven Wolken große Mengen Cäsium verfrachtet worden waren, wird Strahlung durch Radiocäsium auch heute noch immer wieder in Pilzen, Wildschweinfleisch und Gemüse gefunden. Bei den Bewohnern in der 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl, in der längst wieder Menschen - meist illegal - siedeln, resultiert die Hälfte der Belastung durch schon in den Körper befindliches radioaktives Material aus Cäsium-137, das mit dem Essen, im Wasser oder aus der Luft aufgenommen wurde. Ob und in welchem Umfang dadurch Gesundheitsschäden - etwa Leukämien - verursacht werden, ist nicht zweifelsfrei geklärt. (jom.)

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