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Japan : Das älteste Land der Welt

Einkaufen in Tokio: Die Gesellschaft altert, die Preise sinken, die Binnenkonjunktur lahmt. Bild: Jochen Remmert

Bald schon wird jeder vierte Japaner älter als 65 Jahre sein. Das verändert auch die Wirtschaft. Die Gefahr ist groß, dass sich die Menschen in Stagnation und Deflation einrichten, weil es für wohlhabende Senioren bequem ist.

          Ryuichi Yamaguchi ist ein erfolgreicher Mann. 63 Jahre alt ist er und seit diesem Jahr im Ruhestand. Dennoch geht er zwei Mal in der Woche in sein altes Unternehmen und berät die jüngeren Kollegen. „Ganz ohne Arbeit geht es nicht“, sagt er und lacht. Trotz der immer noch sommerlichen Hitze sitzt er im dunklen Anzug, die rote Krawatte fest gebunden, am Tisch im Cafe. Yamaguchi ist ein typischer Vertreter der Generation der Babyboomer in Japan. Viele der geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit gehen jetzt in Rente. Nach Berechnungen der japanischen Regierung wird die Zahl der Erwerbstätigen von jetzt gut 65 Millionen bis 2030 um mehr als zehn Millionen sinken. Gerade sind in Tokio die neuesten Zahlen veröffentlicht worden: 29,8 Millionen Japaner sind älter als 65 Jahre. Das entspricht 23,3 Prozent der gesamten Bevölkerung. Bei den Frauen liegt der Prozentsatz noch höher. Schon in wenigen Jahren wird die Hälfte der Japaner älter als 50 Jahre sein. „Na und?“, fragt Yamaguchi, „mir geht es gut, und jetzt habe ich endlich Zeit, das Leben ein bisschen zu genießen.“

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Japans Babyboomer, die in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, sind die reichste Generation in der japanischen Geschichte. Wer über 69 Jahre alt ist, hat in Japan im Schnitt mehr als 10 Millionen Yen (96.000 Euro) auf der hohen Kante. Bei den 60 bis 69 Jahre alten sind es noch 8,6 Millionen Yen.

          Davon können viele junge Japaner nur träumen. Nach amtlichen Statistiken kann jeder Dritte vom eigenen Einkommen kaum leben, geschweige denn für das Alter sparen. „Die japanische Babyboomer-Generation galt schon immer als enorm aktive und tatkräftige sowie auch konsumorientierte Bevölkerungsgruppe“, sagt Florian Kohlbacher, Ökonom am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio. Eine reiche, aktive Generation im Ruhestand, das müsse der Wirtschaft doch großen Schwung verleihen, erwarteten viele Wissenschaftler, auch Kohlbacher. 2007 gingen die ersten Babyboomer in Japan in Rente; doch die neuen Rentner ließen ihr Geld auf dem Sparkonto statt kräftig zu konsumieren. Und sie arbeiten weiter wie Yamaguchi. „Die Erwartung, dass der Markt von 2007 an richtig boomen wird, ist daher nicht eingetreten“, sagt Kohlbacher.

          Japan ist schon lange kein Land des Aufbruchs mehr

          Statt zum Vorbild dafür zu werden, wie auch eine alternde Gesellschaft wirtschaftliche Dynamik entfalten kann, droht Japan zum abschreckenden Beispiel zu werden. Das ostasiatische Land ist schon lange kein Land des Aufbruchs mehr. Gerade weil die Generation, die jetzt in den Ruhestand geht, so wohlhabend ist, machen die Arbeitseinkommen in den meisten Haushalten heute schon weniger als die Hälfte der Einnahmen aus. „Die Sicherheit der Pensionen und die Abwesenheit von Inflation sind schon lange wichtiger als Bemühungen, dynamisches Wachstum zu schaffen“, sagt Martin Schulz vom Fujitsu-Forschungsinstitut. Deswegen ist die Stagnation, die leichte Deflation, unter der das Land seit Jahren leidet, für die Senioren wie Yamaguchi auch kein Thema. Wer vom Ersparten lebt, beklagt sich nicht über sinkende Preise, und er ruft auch nicht lautstark nach Veränderungen und wirtschaftlichen Reformen. Im Gegenteil.

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