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Janet Yellen soll Fed-Chefin werden : Wohin steuert nun Amerikas Geldpolitik?

Mitten im Haushaltsnotstand nominiert Obama mit Janet Yellen eine Frau für den Chefposten der amerikanischen Notenbank. Sie steht für eine Geldpolitik mit Niedrigzinsen und Anleihekäufen. Eine Analyse.

          Janet Yellen, die aller Voraussicht nach nächste Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, wäre in 100 Jahren die erste Frau an der Spitze der Fed. Das Zusammentreffen der beiden historischen Ereignisse ist mehr als unglücklich – nicht, weil gegen eine Frau an der Fed-Spitze irgendetwas einzuwenden wäre, sondern weil das Geschlecht des obersten Geldpolitikers oder der obersten Geldpolitikerin irrelevant sein sollte. Leider ist es das nicht mehr zur Gänze, wie die öffentliche Debatte in den Vereinigten Staaten Amerika in den vergangenen Monaten gezeigt hat.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Damit rückt eine neue Form der Politisierung in den Auswahlprozess von Notenbankern, die in der Zukunft vom großen Vorbild Fed auf andere Notenbanken ausstrahlen dürfte. Die Geldpolitik und die Notenbanken, die als Wächter der Geldwertstabilität den Bürgern Sicherheit und Stabilität garantieren sollen, sind zu wichtig, um sie geschlechtspolitischen Spielchen oder Frauenquoten auszusetzen. Notenbanker sollten nach Qualität, nicht nach Geschlecht ausgewählt werden. Alles andere ist der Unabhängigkeit von Zentralbanken nicht förderlich.

          Der Glaube an die Feinsteuerung der Märkte

          Die Geschlechterfrage lenkt von wichtigeren Fragen ab, die sich mit der Nominierung Yellens verbinden. Die Qualifikation der Berkeley-Ökonomin für die Aufgabe ist unbestritten. Sie versteht das geldpolitische Handwerk und genießt auch als Wissenschaftlerin einen ausgezeichneten Ruf. Aus unterschiedlichen Positionen in ihrer langen Laufbahn kennt sie die Notenbank wie kaum ein zweiter (oder eine zweite). Insoweit könnte sich ihre Nominierung als Glücksfall für die Federal Reserve herausstellen. Der Senat muss allerdings noch zustimmen.

          Trotz der herausragenden Qualifikation ist ihre Nominierung dennoch zuvörderst eine politische Berufung. Yellen repräsentiert wie wenige andere im Offenmarktauschuss die Linie, dass die Geldpolitik auf lange Zeit nichts wichtigeres zu tun habe als zu versuchen, mit Niedrigzinsen und monetärer Flutung durch Anleihekäufe die Arbeitslosigkeit zu senken. Das ist eine erschreckende Fixierung auf die eine Seite des doppelten Mandats der Fed, die für Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität sorgen soll – während in Teilen der Finanzmärkte schon wieder die Jagd nach Rendite beginnt. Yellen verkörpert eine bizarr altmodisch anmutende Sicht der Geldpolitik, in der diese wie in einem Pumpwerk die Wirtschaftsläufe feinsteuern könne. Damit neigt sie dazu, die Geldpolitik zu überschätzen. In den vergangenen Jahren hat sie mit dem gegenwärtigen Fed-Präsidenten Bernanke die gefährliche Innovation in die Geldpolitik eingeführt, die Zinspolitik mittelfristig an einer konkreten Höhe der Arbeitslosenquote auszurichten. Das wird sich wohl nicht mehr aus der Welt schaffen lassen.

          Gegen diese geldpolitische Charakterisierung Yellens wird eingeworfen, dass sie – wenn notwendig – im Zielkatalog der Fed der Geldwertstabilität Vorrang einräumen werde. So bedrängte sie in den neunziger Jahren den damaligen Fed-Vorsitzenden Alan Greenspan, ein Inflationsziel einzuführen. Aber weniger als 2 Prozent durfte es nicht sein, weil Yellen wie Bernanke Deflation übertrieben fürchtet. Kein Wunder, dass ihre Nominierung an den Finanzmärkten als Signal angesehen wird, dass die Federal Reserve eher länger als kürzer an der geldpolitischen Expansion festhalten wird. Angesichts einer Wachstumsprognose für Amerika von knapp 3 Prozent im kommenden Jahr und mehr danach ist eine zügige und schrittweise Straffung der Geldpolitik mehr als geboten. Selbst der Internationale Währungsfonds verschließt sich dieser Einsicht nicht mehr. Es wird freilich auch die Zeit kommen, in der die Finanzmärkte vor Angst schlottern werden, dass Yellen nun unbedingt Härte beweisen wolle.

          Sie ist keine Technokratin - aber ein Notenbanker sollte Technokrat sein

          Auch wenn die Ökonomin wohl nicht Obamas erste Wunschkandidatin war, so passt sie doch ideal in sein Verständnis einer Politik, sich ständig scheinbar verbessernd einzumischen, anstatt nur die Rahmenbedingungen festzuzurren. Yellen will die Politik zum Wohle der Menschen einsetzen. Nichts verdeutlicht die damit verbundenen Zweifel an ihrer Geldpolitik mehr als das Lob des Yale-Ökonomen Robert Shiller, der sie als „echten Menschen“ preist. Das ist lobenswert, aber entspricht nicht dem wünschenswerten Bild eines Notenbankers als Technokraten, der nüchtern seine Aufgabe erfüllt und für den die Geldwertstabilität entscheidend ist – im Interesse der Bürger und Sparer.

          Insoweit ist Obamas Entscheidung eine politische Wahl, die für weiter anstehende Personalentscheidungen in der Fed nichts Gutes verheißt. Wie wenig den Präsidenten dabei die Unabhängigkeit der Notenbank interessiert, zeigt sich schon jetzt an einer anderen Personalie. Sarah Bloom Raskin, die Obama erst 2010 in das Direktorium der Fed bugsiert hatte, will er schon wieder abberufen, weil im Finanzministerium eine Lücke zu füllen ist. Das ist Personalpolitik nach Gutsherrenart, die jeglichen Respekt vor der Federal Reserve und ihren Aufgaben vermissen lässt.

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