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Kommentar : Das Ende der Milchquote

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Angezapft: Die gesetzlich verordnete Produktionsgrenze für Milch wird zum 1. April abgeschafft. Bild: dpa

Ende März wird die Milchquote abgeschafft. Das verbreitet Ängste in der Landwirtschaft: Vor sinkenden Preisen, vor einer Rückkehr zu Butterbergen und vor dem Verschwinden kleiner Bauernhöfe. Doch die Panik ist unbegründet.

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          Freie Märkte und die Bauern waren nicht immer beste Freunde. Der Übergang von einer Marktordnung, die den tradierten Sonderstatus der Landwirte erhielt, hin zu einem marktorientierten System, das den Landwirt als Unternehmer im Weltmarkt sieht, vollzieht sich in der EU und in Deutschland seit Jahrzehnten. Wenn am 1. April die Milchquote fällt, ist ein weiterer Schritt getan.

          Der freie Milchmarkt schürt Hoffnungen auf ein wachsendes Exportgeschäft, aber auch Ängste vor sinkenden Preisen und beschleunigtem Strukturwandel. Bemisst man die Stimmungslage unter Bauern anhand der Zugehörigkeit zu entsprechenden Interessenverbänden, befürwortet die Mehrzahl der Milchbauern die Liberalisierung. Aber eine große Minderheit von gut einem Viertel zählt zu den Gegnern. So viele, rund 20.000 Milchbauern, sind Mitglied im Verband BDM, der in Opposition zum Bauernverband und dem Großagrarierverein DLG die Mengenbegrenzung gern behalten hätte. Insgesamt gibt es knapp 80.000 Milchbauern in Deutschland, jährlich werden es 3 Prozent weniger.

          Was wird die Revolution anrichten? Um die Antwort zu finden, muss man darauf schauen, was die Quote bisher bewirkt hat. Sie wurde 1984 eingeführt, um Überproduktion zu bremsen. Das war die Zeit der Milchseen und Butterberge, die durch Aufkäufe der EU entstanden waren. Der Staat kaufte Überschüsse, um den Bauern Preise und Abnahmen zu garantieren. Damit machte die Milchquote ein Ende, indem sie die Produktionsmenge senkte und Strafzahlungen für Bauern vorsah, die mehr erzeugten.

          Die Abschaffung der Quote ist dennoch heute kein tiefer Einschnitt mehr. Dies schon deswegen, weil die Milchquote nicht für alle Zeiten festgelegt, sondern immer wieder neu justiert wurde. Mit der Zeit stiegen der Verbrauch, der Handel in Europa und die Ausfuhr in Drittländer. Die Bauern durften immer mehr produzieren. Es ist also nicht so, dass die Quote am Inlandsbedarf festgemacht worden wäre – quasi als Instrument grüner Autarkiephantasien. Wurde mehr Milch aus Belgien, Frankreich, China oder Russland nachgefragt, wurde die Quote erhöht.

          Technische Entwicklung verändert die Branche

          Zudem gab es schon vor 15 Jahren eine Liberalisierung. Damals wurde ein Börsenhandel mit den Produktionslizenzen eingeführt. In einzelnen Regionen, die gute Standorte für Milchkühe sind, wuchsen die Viehbestände und Stallgrößen seitdem deutlich – zum Beispiel in Ostfriesland, dem Allgäu, der Oberpfalz, in Mecklenburg oder am Niederrhein. Die Milchquote war nie so konstruiert, wie es manchmal dargestellt wird, als Instrument zur Erhaltung alter bäuerlicher Strukturen oder regionaler Versorgung. Da die Zeiten von staatlichen Stützkäufen und subventionierter Exporte von Milchpulver nach Afrika längst vorüber sind, ist auch das Ende der Quotenregel konsequent.

          Im politischen Diskurs war die Quote ein Symbol für den staatlichen Schutz der Bauernhöfe gegen die Entwicklung des „Wachse oder weiche“. Doch dazu war sie eigentlich nicht gedacht. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft hat andere Ursachen als die Tatsache, dass Landwirte so viel Getreide, Fleisch und Milch produzieren dürfen, wie sie können und wollen.

          Vor allem ist es die technische Entwicklung, die im Fall der Milchbauern dazu geführt hat, dass ein Landwirt kaum noch Arbeiter zum Melken und für die Stallarbeit braucht. Fütterungsmaschinen, Melkroboter und automatische Melk-Karusselle sind verbreitet. Wer investiert hat, kann bei nahezu konstanten Fixkosten leicht die Milchmenge erhöhen. Viele kleinere Höfe schließen auch, weil ihnen der Nachwuchs fehlt. Die Alterung unter den Landwirten ist dramatisch.

          EU ein exzellenter Produktionsstandort

          Utopisch ist der Wunsch, die Entwicklung politisch zurückzudrehen. Der Staat tut weiterhin etwas, um den Wandel abzufedern. Im Bergland oder Weideland und für Biohöfe gibt es besondere staatliche Hilfen. Vielen kleinen Höfen geht es gut mit regionaler Vermarktung, Bioerzeugung und Bauernhofferien. Die anderen müssen sich vor dem Wachstum nicht fürchten. Die Milchpreise, wenn auch derzeit niedrig, haben bei starken Schwankungen tendenziell zugelegt. Vor eineinhalb Jahren erlösten Bauern einen Rekordpreis von fast 40 Cent je Kilo.

          Europa ist ein exzellenter Produktionsstandort, in den 28 EU-Staaten wird laut der Weltagrarbehörde FAO weit mehr Milch erzeugt als in Indien und China zusammen oder in den Vereinigten Staaten. Die EU steigerte ihren Anteil am Welthandel mit Milch. Der Export nach China und in arabische Länder dürfte noch wachsen, dort nehmen Nachfrage und Erzeugung zu. In Saudi-Arabien steht neuerdings der weltgrößte Kuhstall mit 50.000 Kühen inmitten der Wüste. Aber der Wasserreichtum der EU und gute Hygienestandards sind Standortvorteile. Irland etwa will den Milchexport, wenn die Quote fällt, bis 2020 fast verdoppeln.

          Dem Wachstum sind freilich auch nach dem Ende der Quote staatliche Grenzen gesetzt. Auch künftig können selbst die finanzstarken deutschen Milchbauern nicht endlose Mengen produzieren. Denn zum Schutz der Gewässer ist die Zahl der Kühe an den Flächenbesitz des Bauern gekoppelt.

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